Informations - und Biotechnologie - Befreiende oder herrschaftsförmige Technik?

Christian Fuchs

Technische Universtät Wien
Institut für Gestaltungs- und Wirkungsforschung
Favoritenstraße 9-11, Stiege 3, 2. Stock
A-1040 Wien, Österreich

Eine gekürzte, stark überarbeitete und erweiterte Version dieses Textes ist unter dem Titel "Technisch vermittelte Entkörperlichung - Emanzipation der Risiko?" in Utopie Kreativ, H 129/130 (Julia/August 2001), S. 644-658 erschienen und ist hier in digitaler Form abrufbar


Abstract

Entkörperlichung zeigt sich heute vor allem in der Prothesisierung des Menschen, der Humanisierung des Roboters und der Ersetzung verkörperlichter, d.h. lebendiger Arbeit, durch tote Arbeit. Sie wird vermittelt durch neue Informations-, Kommunikations-, Gen-, Reproduktions- und Biotechnologien.

Vertreterinnen des postmodernen Feminismus wie Sadie Plant und Donna Haraway verknüpfen mit den technischen Veränderungen die Hoffnung auf Emanzipation von patriarchalen Verhältnissen. Damit argumentieren sie jedoch technikdeterministisch und lassen außer Acht, daß das kapitalistische Patriarchat auf Ausbeutungs-, Klassen- und Herrschaftsverhältnissen basiert. Emanzipation kann daher nur als gesellschaftlicher Prozeß verstanden werden und nicht auf eine technische Dimension reduziert werden.

Die postmodernistische Theorie betont die Differenz unterdrückter Gruppen und landet damit bei einer Vielfalt ohne Einheit. Berechtigterweise kritisiert sie eine Einheit ohne Vielfalt, läßt jedoch eine dialektische Postition der Einheit in der Vielfalt im Bezug von Kulturen und unterdrückten Gruppen aufeinander außer Acht.

Beim Postmodernismus besteht die Gefahr, daß Politik rein kulturalistisch als Lebensstilpolitik, Identitätspolitik und symbolische Repräsentationspolitik aufgefaßt wird. Dies zeigt sich an Hand des Ansatzes von Judith Butler. Ausgeblendet wird dabei die Notwendigkeit politischer Emanzipation von Klassenverhältnissen, Politik wird auf den Bereich der Kultur reduziert.

Das kapitalistische Weltsystem kann sich nur durch die Schaffung von Milieus der ursprünglichen Akkumulation permanent reproduzieren. Als solche Milieus können in der heutigen postfordistischen Phase des Kapitalismus die patriarchale Produktionsweise, die "Dritte Welt", prekär Beschäftigte und rassistische Produktionsverhältnisse betrachtet werden.

Ein marxistischer Feminismus kann sich vom Nebenwiderspruchsdenken und von mechanistischen Basis-Überbau-Modellen lösen und die Ausbeutung und Beherrschung von Frauen im kapitalistischen Patriarchat als Klassenverhältnis betrachten sowie die ökonomische, politische und kulturell-ideologischen Komponenten dieses Klassenverhältnisses analysieren und kritisieren.

Technik ist im kapitalistischen Patriarchat ein Herrschafts- und Kontrollmittel. Daher ist es sinnvoll, den postmodernen EmanzipationsdenkerInnen kritische Argumente gegenüberzustellen, die davon ausgehen, daß Entkörperlichung und neue Technologien eine Verschärfung der Beherrschung und Ausbeutung mit sich bringen. Solche Kritiken wurden vor allem im marxistischen und radikalen Feminismus formuliert. Dabei besteht jedoch die Gefahr, in geschlechtsspezifische Typisierungen, die eigentlich charakteristisch für die Ideologie der bürgerlichen Gesellschaft sind, zu geraten. Dies ist in radikal- und ökofeministischen Ansätzen häufig der Fall. Dabei wird auch Technik als inhärent patriarchal und herrschaftsförmig betrachtet. Ein solcher Technikreduktionismus führt aber zu Argumentationen, die eine Gesellschaft ohne Technik verlangen, die auf angeblich typisch "weiblichen Werten" basiert.

Im Zusammenhang mit neuen Technologien bestehen z.B. die Gefahr der Kapitalisierung des Körpers als Profitquelle, die Gefahr einer neuen Eugenik, die Gefahren der Züchtung besonders ausbeutbarer Menschen, der totalen Kommodifizierung weiblicher Körper und der Enteignung der Frau von der Selbstbestimmung über ihren Körper. Besonders in einer kapitalistischen Gesellschaftsformation, die die Ökonomie über den Menschen stellt und an der Logik und Totalität der Kapitalakkumulation und Verwertung orientiert ist, sind diese Gefahren realistisch.

Technik ist weder interessensneutral, noch grundsätzlich ein Dämon. Sie steht in einem wechselseitigen dialektischen Verhältnis zur Gesellschaft. In unserer heutigen patriarchal-kapitalistischen Gesellschaft ist die Technik eine patriarchal-kapitalistische. Eine Aufhebung der bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse kann jedoch als Basis für die Entwicklung einer am Menschen orientierten Technik betrachtet werden.

Der technische Eingriff in die Körperlichkeit des Menschen (und dabei vor allem der Frau) bedeutet heute eine neue Qualität bestehender Ausbeutungs-, Herrschafts- und Klassenverhältnisse.

1. Einleitung: Die Entkörperlichung des Menschen und deren Gefahren

Die Prothesierung des menschlichen Körpers, d.h. die Substitution von Körperteilen und Organen durch maschinelle Anwendungen, und die Nachbildung des Menschen durch Computer und Roboter schreitet immer weiter voran. Welche Entwicklungen sind mittelfristig realistisch, welche utopisch? Welche Probleme der ethischen Grenzen von Wissenschaft und Technik werden dabei aufgeworfen? Was bedeutet all dies für die feministische Theorie und Politik, die immer noch mit der Konstruktion von Typisierung sowie von Ein- und Zuschreibungen spezifischer Eigenschaften in weibliche Körper in einer patriarchal-kapitalistischen Gesellschaft konfrontiert sind?

Das sich heute verändernde Verhältnis von menschlichem Körper und Maschine zeigt sich vor allem in drei Bereichen:

  1. der Prothesisierung des Menschen
  2. der Humanisierung des Roboters
  3. der Ersetzung verkörperlichter, d.h. lebendiger Arbeit, durch tote Arbeit

Im ersten Fall handelt es sich nicht mehr ausschließlich um Negativvisionen aus der Cyberpunkliteratur, positiv besetzten Visionen einer entkörperlichten "Post-Gender-World" (Donna Haraway) oder fiktiven filmischen Cyborgfiguren wie in Total Recall, Bladerunner, Terminator oder Robocop. Vielmehr hat die Verwandlung des Menschen in einen kybernetischen Organismus durch den technischen Eingriff in die Körperlichkeit auch heute eine konkrete Bedeutung bekommen. Dies zeigt sich z.B. in der Form von künstlichen Organersätzen oder -zusätzen, der Gen- und Reproduktionstechnologie oder der direkten Verkopplung von Mensch und Maschine. Der Einbau von mechanischen oder elektronischen Komponenten in den menschlichen Körper ist heute medizinischer Alltag. Im Juni 2000 wurde beispielsweise am Chicago Medical Center einem Menschen die erste künstliche Netzhaut ASR ("Artificial Silicon Retina") implantiert (Telepolis, 4.7.2000). Einem Blinden wurde ein Mikrochip ins Gehirn eingebaut. Mit Hilfe einer Cyberbrille, in die eine Kamera eingebaut ist, werden Bilder wahrgenommen, anschließend von einem Computer digitalisiert und ins Gehirn geschickt. Dazu ist jedoch die Verbindung des Mikrochips im Gehirn mit dem Computer durch ein Kabel notwendig. So kann der Blinde Umrisse und Schatten erkennen (Die Welt, 19. 01. 2000). William Dobelle hat u.a. ein solches System der Artificial Vision erschaffen.

Der zweite genannte Bereich ist eng verknüpft mit den Entwicklungen und Fortschritten in der Artificial Intelligence (AI) und im Artificial Life (AL). Nach Langton (1989) ist Artificial Life (AL) "the study of man-made systems that exhibit behaviors characteristic of natural living systems". Es gehe nicht nur darum, zu beobachten, wie Eigenschaften lebendiger Systeme in AL-Systemen emergieren ("life-as-we-know-it", Leben, wie es ist), sondern auch um die theoretische Beobachtung künstlichen Lebens, um Rückschlüsse darüber, wie Leben sein könnte, auf natürliches Leben zu ziehen ("life-as-it-could-be", Leben, wie es sein könnte). Langton hat einen zellulären Automaten (CA) programmiert, dessen Agenten sich selbst reproduzieren. Diese CA zeigen Phasenübergänge, an denen chaotische Attraktoren auftreten. Langton meint nun, daß dabei nicht vorhersehbare Signale auftreten. Die simulierten Phasenübergänge wären äquivalent zu jenen in lebendigen Systemen. Daher habe er tatsächliches Leben erzeugt. Maturana und Varela (1984) haben gezeigt, daß lebendige Systeme sich selbst reproduzieren können. Diese Eigenschaft kann ein Computerprogramm jedoch niemals aufweisen, da es immer auf einem Rechner abläuft, der einer mechanistischen Kausalität (d.h. Ursachen und Wirkungen können einander eindeutig zugeordnet werden) folgt. Die Selbstreproduktion von Agenten in einer Computersimulation ist mit jener von organischen Zellen nicht vergleichbar, da sie abhängig von einer Energiezufuhr in den Computer ist. Daher kann nicht von der Selbstreproduktion einer Maschine oder darauf ablaufender Programme gesprochen werden. Technische Artefakte sind nicht mit Menschen vergleichbar, sondern es bestehen qualitative Unterschiede. Fähigkeiten wie zweckorientiertes Handeln, Selbstbewußtsein, Rationalität oder Gefühle sind spezifisch für den Menschen. Dadurch unterscheidet er sich von allen anderen Systemen. Maschinen und soziale Organisationen (1) sind keine lebendigen Systeme, sie können sich nicht autonom selbst reproduzieren wie autopoietische Organismen.

Wesentliche Fragen, die sich für AI und AL stellen, sind, ob ein Computer menschenähnliches Verhalten zeigen kann und ob der menschliche Geist technisch simulierbar ist. Seit jeher war in der AI von Bedeutung, ob Gehirn und Computer vergleichbar sind, ob das Gehirn als Maschine aufgefaßt werden kann oder ein Computer jemals denken können wird. Dabei spielt der Turing-Test eine Rolle, der besagt, daß eine Maschine dann intelligent ist, wenn ein Mensch mit ihr kommuniziert, ohne zu bemerken, daß es sich um eine Maschine handelt. Anfang der 80er-Jahre wurde diese Sichtweise jedoch durch John Searles Chineschisches Zimmer herausgefordert. Dadurch wurde klar, daß ein Computer immer nur Anweisungen befolgt, aber niemals so etwas wie Bedeutungen oder pragmatische Zeichenaspekte verstehen kann. Daher ist menschliche nicht mit maschineller Intelligenz vergleichbar. Intelligenz ist m.E. immer mit einer Einheit von syntaktischen, semantischen und pragmatischen Aspekten verbunden und setzt außerdem Gefühle, Selbstbewußtsein und die Fähigkeit der individuellen Normen- und Wertbildung voraus.

Immer wieder gibt es Versuche, intelligente Computerprogramme herzustellen, mit denen Menschen interagieren können. Ein Beispiel ist Joseph Weizenbaums Psychoanalyseprogramm ELIZA, ein anderes der Multi User Dungeon (MUD)-Robot Julia. Es zeigt sich heute, daß diese künstliche Intelligenz oftmals überschätzt wird und nicht annähernd mit menschlicher vergleichbar ist: Alan Turing meinte 1950, daß es im Jahr 2000 Computer geben wird, die 70 Prozent der Menschen, mit denen eine Interaktion erfolgt, davon überzeugen, daß sie menschlich sind. Der tatsächliche Forschungsstand ist weit davon entfernt. Es mag spannend sein, sich mit so einem Programm zu unterhalten und es zu testen. Man/Frau sollte sich aber mit Searle immer wieder vor Augen halten, daß diese künstliche Intelligenz sich ganz wesentlich von der menschlichen unterscheidet und daß daher die Mensch-KI-Interaktion keine soziale Interaktion darstellt, da diese immer humane Akteure benötigt.

Nichtsdestotrotz haben heute viele AI-ForscherInnen das Ziel, "menschliche Roboter" zu erschaffen. So meint z.B. Rodney Brooks: "Ich möchte völlig autonome mobile Agenten erschaffen, die in der Welt mit Menschen koexistieren und die von Menschen als eigenständige intelligente Wesen betrachtet werden" (Brooks 1987, S. 7). Marvin Minksy (1994) beschreibt ein KI-System, in dem menschenähnliche Agenten vorkommen. Er nimmt an, daß der Geist aus maschinellen Agenten zusammengesetzt werden kann: "Jeder mentale Agent ist für sich allein genommen nur zu einfachen Tätigkeiten fähig, die weder Geist noch Denken erfordern. Wenn wir diese Agenten jedoch auf eine ganz bestimmte Weise zu Gesellschaften zusammenfassen, ist das Ergebnis echte Intelligenz" (Minsky 1994, S.17). Der Mensch ist für Minsky folglich ein Computer, der Geist also eine Maschine. Es sei nur mehr eine technische Frage, Computer mit Bewußtsein und Gefühlen zu entwickeln.

Minsky argumentiert klassisch reduktionistisch. Intelligenz sei auf einzelne Teile zurückführbar. Seine Gleichsetzung von Mensch und Maschine zeigt sich schon daran, daß er den Inbegriff der Soziologie (Gesellschaft) für die Beschreibung des Zusammenwirkens von technischen Einheiten benutzt. Er betrachtet dies allerdings als völlig unproblematisch, die damit verbundenen Gefahren wie eine Abwertung von Humanismus, einen Freibrief für biopolitische Experimente und daher in letzter Konsequenz der Eugenik und der rassistischen Vernichtung sowie die Gefahr deren Legitimierung sieht er nicht. Werden Mensch und Maschine gleichgesetzt und die qualitativen Unterschiede wegdefiniert oder geleugnet, so stellt sich das Problem, daß damit vermittelt wird, daß mit Menschen umgegangen werden darf wie mit Maschinen: Sind sie alt oder nicht mehr "leistungsfähig", so werden sie "entsorgt". Werden spezielle oder äußerst effiziente Fähigkeiten benötigt, so werden diese technisch hergestellt. Was all dies auf den Menschen bezogen bedeuten kann, entspricht Horrorvisionen, die an den Faschismus erinnern können.

Minsky betrachtet den Menschen als ein Mängelwesen, unperfekt und im Vergleich zu Computern äußerst langsam. Um dies zu beheben, schlägt er vor, Mikrochips ins Gehirn zu verpflanzen, die von den Menschen umprogrammiert werden können, um ihr Denken zu verändern. Psychische Probleme könnten damit vermieden werden. Eine solche Argumentation vernachlässigt, daß psychische Probleme aus gesellschaftlichen Verhältnissen entspringen. Es geht bei Minsky nicht um gesellschaftliche Veränderung, sondern um die Manipulation des menschlichen Denkens, um die Zunahme psychischer Probleme in einem kapitalistischen Weltsystem mit immer größer werdenden globalen Problemen mittels einem psychischen Wegschmelzen dieser Probleme einzudämmen. Individuelle Probleme, die in einem Verhältnis zu gesellschaftlichen stehen, sollen nicht in der realen Welt gelöst werden, sondern die Menschen sollen psychisch an die immer prekärer werdenden sozialen Verhältnisse angepaßt werden. Damit kann auch die Vorstellung verbunden werden, daß Minsky grundsätzlichen sozialen Wandel durch die direkte Manipulation des menschlichen Gehirns verhindern will.

Ähnlich wie Minsky beschreibt auch Valentin Braitenberg, wie seiner Ansicht nach durch technische Synthese einfacher Teile "Wesen" hergestellt werden können, die dem Mensch samt Geist und Bewußtsein ähnlich sind. Aus mobilen Robotern werden in dieser Beschreibung Menschen. Braitenberg nimmt an, daß sich aus Motoren, Sensoren und diversen fiktiven Materialien, menschenähnliche Organismen herstellen lassen. Die 14 beschriebenen Wesen bauen aufeinander auf und werden immer komplexer. Wie Minsky nimmt Braitenberg an, der menschliche Organismus sei auf einzelne technische Bauteile reduzierbar.

Auch Hans Moravec (1990) vertritt ähnliche Ansichten wie Minsky. Der Mensch werde in Zukunft von Robotern ersetzt, menschliche Intelligenz durch künstliche substituiert. Dadurch werde der Mensch unsterblich. "Wir Menschen werden eine Zeitlang von ihrer Arbeit [jene der Roboter, Anm. CF] profitieren. Doch über kurz oder lang werden sie, wie biologische Kinder, ihre eigenen Wege gehen, während wir, die Eltern, alt werden und abtreten" (Moravec 1990, S. 13). Der menschliche Geist könne in naher Zukunft auf Maschinen übertragen werden. Ein Roboterchirurg müsse dazu die Schädeldecke eines Menschen öffnen und das Gehirn schichtweise abtragen und mit Sensoren abtasten. So sei es möglich, die Kognition eines Individuums auf einen Roboter zu übertragen.

In der Cyberpunk-Literatur hatten solche Vorstellungen noch einen kritischen Unterton und konnten als Warnung vor Entwicklungen verstanden werden, die die Menschheit durch technischen Fortschritt in den Faschismus zurückversetzen. Bei Moravec handelt es sich nicht um Fiktion, sondern um ernsthafte wissenschaftliche Ansichten. Jede kritische Überlegung ist allerdings verschwunden.

Auch im Konnektionismus, der davon ausgeht, daß Kognition ein emergentes Phänomen der neuronalen Aktivitäten darstellt, wird der Computer mit dem Menschen verglichen. Sowohl das Verhalten des Gehirn als auch jenes der neuronalen Netze folge keiner deterministischen Logik, sondern zeige unvorhersehbare Aspekte. Diese emergente AI sieht also keinen wesentlichen Unterschied zwischen Mensch und Maschine.

Für die AI war und ist die wesentliche Frage, ob ein Computer intelligent ist bzw. sein kann. AL setzt dies bereits voraus und fragt sich ernsthaft, ob Maschinen zum Leben erweckt werden können. Das Gebiet des AL stellt in Frage, daß Maschinen und Computerprogramme nicht lebendig sein können.

Die neuesten Entwicklungen aus der AI reden einer radikalen Entkörperlichung das Wort. Der menschliche Körper gilt als vergänglich, in letzter Konsequenz könne der Computer an seine Stelle treten und auch den Geist substituieren. Gefahren solcher Argumentationen werden nicht ausreichend berücksichtigt, sondern Entwicklungen in Richtung einer - um es mit Aldous Huxley auszudrücken - "schönen neuen" Cyborg-Welt das Wort geredet.

Zum dritten Bereich: Gesellschaftliche Arbeit ist grundsätzlich an den menschlichen Körper gebunden. Mit der Entwicklung der Produktivkräfte kommt es jeder zu einer voranschreitenden Entkörperlichung der Arbeit. Durch immer weitere technologische Entwicklungen wird immer mehr menschliche Arbeit durch Maschinen ersetzt. Dies ergibt sich aus der kapitalistischen Zwangslogik, immer effizienter zu produzieren, d.h. immer mehr in immer kürzerer Zeit herzustellen. Marx hat dies als relative Mehrwertproduktion beschrieben: Durch immer produktivere Maschinen wird immer mehr in immer kürzerer Zeit hergestellt. Durch die Produktivkraftentwicklung wird die gesellschaftlich notwendige Arbeit immer stärker reduziert. Lebendige Arbeit wird also immer stärker durch tote Arbeit in der Form von Maschinen und konstantem Kapital ersetzt. Da aber die lebendige Arbeit die einzige Quelle des produzierten Mehrwerts sein kann, führt also die Produktivkraftentwicklung der lebendigen Arbeit zur Zersetzung der Basis der Wertproduktion. Hier zeigt sich also auch ein Widerspruch zwischen lebendiger und vergegenständlichter Arbeit (vergegenständlichte ersetzt lebendige und damit die Basis des Werts). Im Lauf der kapitalistischen Entwicklung steigt die tote Arbeit im Verhältnis zur lebendigen. Dies ist eine langfristige Tendenz, die sich gerade auch in der heutigen Phase des Kapitalismus äußert. Marx brachte diesen Widerspruch in den Grundrissen folgendermaßen auf den Punkt: "Das Kapital ist selbst der prozessierende Widerspruch dadurch, daß es die Arbeitszeit auf ein Minimum zu reduzieren strebt, während es andrerseits die Arbeitszeit als einziges Maß und Quelle des Reichtums setzt" (Marx 1857/58, S. 601).

Dieser Widerspruch kann als eine Ursache der Tendenz des Falls der Durchschnittsprofitrate angesehen werden. Steigt die organische Zusammensetzung des Kapitals (also das Verhältnis von konstantem und variablem Kapital) im Rahmen der Produktivkraftentwicklung, so kann dies auf Grund dieses Antagonismus negativ auf die Mehrwertproduktion wirken. Daraus ergibt sich dann ein Fall der Durchschnittsprofitrate. Die Entkörperlichung der Produktion setzt sich also im Kapitalismus krisenhaft durch. Die Ersetzung von lebendiger durch vergegenständlichte Arbeit und damit das Voranschreiten einer tendenziellen Unabhängigkeit der Produktion vom menschlichen Körper hat im Kapitalismus die Konsequenz, daß sie zu den strukturellen polit-ökonomischen Krisen und den sich daraus ergebenden gesellschaftlichen Problemen wie Arbeitslosigkeit und Armut beiträgt.

Obwohl diese Substitution existiert und immer weiter voranschreitet, ist eine Vollautomatisierung prinzipiell unmöglich, da Maschinen in letzter Instanz nur vom Menschen in Stand gehalten werden können und gewisse Arbeiten wie beispielsweise im sozialen Bereich sinnvollerweise niemals von Maschinen übernommen werden sollten. Daher läßt sich mit Klaus Fuchs-Kittowski festhalten: "Der Mensch [...] [ist] die einzige kreative Produktivkraft [...] und [kann] daher nicht gefahrlos wegrationalisiert werden [...]. Die Auswirkungen einer solchen mangelnden Beachtung des Leistungs- und Wissenspotential der Menschen und ihrer kreativen Fähigkeiten sind heute kaum abzusehen" (2) (Fuchs-Kittowski i.E.).

Es stellt sich nun die Frage, wie realistisch diese Bilder der Entkörperlichung, die in der Cyberpunkliteratur, der Science Fiction und von TheoretikerInnen wie Minsky, Braitenberg und Moravec beschrieben werden, als reale gesellschaftliche Entwicklungen kurz- und mittelfristig sind.

Mittermayer und Klosterhalfen (2000) rücken alle Überlegungen in Richtung der Kreation eines "künstlichen Menschen" als utopisch in weite Ferne. Implantationen und Transplantationen seien zwar heute in der Medizin an der Tagesordnung und werden auch in Zukunft weiterentwickelt und verbessert werden, ein künstlicher Mensch setze jedoch auch künstliches Bewußtsein voraus. Und da heute völlig unklar ist, was Bewußtsein genau sein soll, würde der künstliche Mensch "nicht so schnell Wirklichkeit" werden (Mittermayer/Klosterhalfen 2000, S. 23).

Daele (2000) betont, daß Vorbehalte gegen neue Technolgien meist nur solange bestehen, bis betont wird, daß sie medizinischen Fortschritt mit sich bringen: "Die moralischen Vorbehalte gegen die Technik gaben regelmäßig nach, wenn es darum geht, menschliches Leben zu erhalten oder das Leid einer Krankheit zu mildern" (Daele 2000, S. 25). Das Problem besteht nun darin, daß oft versucht wird, den Einsatz als problematisch zu erachtender Technologien durch Spezialfälle der Anwendung zu rechtfertigen. Reproduktionstechnologie soll so z.B. mit dem Kampf gegen Unfruchtbarkeit legitimiert werden, Gentechnologie mit dem vorgegebenen Kampf gegen Armut etc. Gleichzeitig wird betont, daß Mißbrauch gesetzlich zu unterbinden sei. In der kapitalistischen Gesellschaft ist es nun aber der Fall, daß die Kapitalakkumulation einen ökonomischen Zwang darstellt, der alle Lebensbereiche durchdringt und an dem in einem gewissen Ausmaß das Geschehen in den einzelnen gesellschaftlichen Subsystemen orientiert wird. Daher ist beim Einsatz von Technologien, die den Körper des Menschen manipulieren, immer auch die "Wirtschaftlichkeit" ein wesentliches Moment. Daraus ergeben sich konkrete Gefahren wie eine neue Eugenik, die Züchtung von besonders ausbeutbarem und widestandslosem Material der Ausbeutung für das Kapital, die weitere Kommodifizierung des Körpers, rassistische sowie faschistische bevölkerungspolitische Maßnahmen etc. All dies sollte besonders in einer neoliberal durchkapitalisierten kapitalistischen Gesellschaftsordnung als gefährlich erachtet werden.

Medizin und Forschung sind nicht ausschließlich am allgemeinen Wohl der Menschheit interessiert, sondern sind Teil des kapitalistischen Weltsystems und daher auch Mittel zur Durchsetzung der Interessen herrschender ökonomischer Klassen. Die Linderung menschlichen Leids in Einzelfällen ist im Kapitalismus eben oftmals ideologisches Mittel, um die tatsächlichen Gefahren neuer Technologien zu verschleiern und um diese für die effiziente Organisierung der Kapitalherrschaft nutzbar zu machen. Heute wird konkret über die "Optimierung" der Kosten des Gesundheitswesen, über bevölkerungspolitische Maßnahmen zur Eindämmung der angeblichen "Bevölkerungsexplosion" oder über das Klonen von Tieren (vorerst!) diskutiert. Die liberal gesinnten Schreie nach der Zivilisierung der dabei verwendeten Technologien werden spätestens dann verstummen, wenn die angeblichen großen Vorteile der Humantechnologie durch die Medienmaschinerie noch viel intensiver ins Bewußtsein der Menschen dringen. Die Durchsetzung der herrschenden ökonomischen Interessen braucht immer ideologische Rückendeckung, damit das Bewußtsein der Menschen massenhaft nivelliert und hergestellt werden kann und sich diesen Interessen willenlos beugt. Es ist unter den herrschenden polit-ökonomischen Verhältnissen nicht auszuschließen, daß mittelfristig die "Entsorgung" nicht mehr verwertbarer und ausbeutbarer, d.h. kranker, alter oder schwacher, humaner Körper sowie die ökonomisch effektive Kreation neuer Körper an der Tagesordnung stehen wird. Ein Gesellschaftssystem, das permanent mit dem Leben von Menschen spielt und zur Prekärisierung der Lebensverhältnisse immer größerer Teile der Weltbevölkerung führt, wird keine moralischen Bedenken vor ökonomische Interessen stellen. Daher ist auch die Rede von der Eindämmung der Mißbrauchsgefahren neuer Technologien durch den Staat eigentlich hinfällig, da der Staat zwar nicht - wie in den meisten STAMOKAP-Theorien behauptet - direkt der verlängerte Arm der Kapitalinteressen ist, aber nichtsdestotrotz einen Kristallisationspunkt der herrschenden ökonomischen Klasseninteressen darstellt, durch den sich eine Einheit der fragementierten und fraktionierten Bourgeoisie herstellen kann (vgl. Poulantzas 1978).

Die Gefahr einer neuen Eugenik kann nicht einfach als Übertreibung abgetan werden, denn heute sprechen beispielsweise immer mehr Ärzte von der Euthanasie von "zu teuren" Kranken oder es wird in wissenschaftlichen Kreisen ernsthaft über faschistoide bevölkerungspolitische Maßnahmen diskutiert. So sprach sich z.B. Peter Sloterdijk bei einer Veranstaltung zur Kritik des Humanismus durch den nationalsozialistischen Paradephilosoph Martin Heidegger für eine vorgeburtliche Selektion aus: "Ob aber die langfristige Entwicklung auch zu einer genetischen Reform der Gattungseigenschaften führen wird - ob eine künftige Anthropotechnologie bis zu einer expliziten Merkmalsplanung vordringt; ob die Menschheit gattungsweit eine Umstellung vom Geburtenfatalismus zur optionalen Geburt und zur pränatalen Selektion wird vollziehen können - dies sind Fragen, in denen sich, wie auch immer verschwommen und nicht geheuer, der evolutionäre Horizont vor uns zu lichten beginnt" (Sloterdijk 1999, S. 15)

Und natürlich werden da Erinnerungen wachgerufen an die faschistische Vernichtung von als nicht "lebenswert" bezeichnetem Leben. Gerade im thematischen Kontext der Veranstaltung, denn Heidegger war Philosoph der nationalsozialistischen Massenvernichtung. Heideggers Idealisierung des Todes und des Nichts waren eine philosophische Dimension des Naziterrors. Auschwitz steht symbolisch für das, was Heidegger in seiner Philosophie herbeisehnte. Die bei den Massenvernichtungen Ermordeten waren für Heidegger vielleicht auch nichts anderes als "Platzhalter des Nichts", deren "Sein zum Ende und zum Tode" gekommen ist. Die Nazis und in ihrer Gefolgschaft das österreichische sowie das deutsche Volk machten Schluß mit der Verdrängung des Todes, ganz so wie Heidegger es wollte. Der Tod wurde nicht verdrängt oder hinausgeschoben, sondern durch die Massenvernichtungen und den Massenmord an Millionen von Menschen durch die Deutschen und Österreicher in die Realität umgesetzt. Als "nicht lebenswert", d.h. nicht ökonomisch leistungsfähig, könnten eben in naher Zukunft z.B. behinderte Kinder eingestuft werden. Und aus gerade diesem Grund sind Beiträge wie jene von Sloterdijk so gefährlich. Würden sie nämlich geistige Hegemonie erlangen, so stünde einer neuen Eugenik tatsächlich nur mehr wenig im Weg.

In letzter Instanz ist die kapitalistische Produktions- und Reproduktionsweise immer mit Körperkontrolle verschränkt. Es geht dabei immer um die Beherrschung und Ausbeutung von Individuen, eine Basis dabei stellt deren körperliche Arbeit dar. Dies bezieht sich nicht nur auf Männer und Frauen in Lohnarbeitsverhältnissen, sondern vor allem auch auf die meist weibliche Reproduktionsarbeit, also auf die patriarchale Dimension des Kapitalismus. Der weibliche Körper wird dabei naturalisiert, und es werden ihm angeblich typische weibliche Tätigkeiten eingeschrieben. Und diese sind eben zumeist unbezahlt oder schlecht bezahlt, ohne soziale Absicherung und ohne Möglichkeit der gewerkschaftlichen Organisation - d.h. besonders ausbeutbar. Agent dieser Ausbeutung ist nicht nur das Kapital, sondern auch der männliche Lohnarbeiter, der sich nur dadurch reproduzieren kann, daß diese Arbeit von Frauen unbezahlt ausgeführt wird. Der männliche Lohnarbeiter ist dreifach "frei": Frei von den Produktionsmitteln, mit denen er arbeitet, und den Produkten, die er herstellt. "Frei", seine einzige Ware, die Arbeitskraft, auf den Arbeitsmarkt zu schmeißen. Und frei von der Haus- und Reproduktionsarbeit, die zumeist von den Frauen übernommen wird (3). Damit haben wir nun den Kontext zum Verhältnis von Körper und der Rolle weiblicher Arbeit im Kapitalismus hergestellt. Bedeuten die Entwicklungen in der Humantechnologie die Chance auf Emanzipation aus patriarchalen Verhältnissen? Oder verschärfen sich dadurch bestehende Herrschaftsverhältnisse, in denen Frauen ausgebeutet werden? An Hand der Diskussion verschiedener Ansätze sollen nun die diversen feministischen Auffassungen zu diesen Fragen diskutiert werden.

2. Entkörperlichung als Emanzipation vom kapitalistischen Patriarchat?

Donna Haraway: Entkörperlichte Cyborgs

Eine wesentliche Vertreterin des Gedankens der Emanzipation durch Entkörperlichung ist die postmoderne Feministin Donna Haraway, die den Begriff des/der Cyborg(s) geprägt hat (siehe Haraway 1995a, 1996, 1997; zur Kritik z.B. Fuchs 1998): "Cyborgs sind kybernetische Organismen, Hybride aus Maschine und Organismus, ebenso Geschöpfe der gesellschaftlichen Wirklichkeit wie der Fiktion" (Haraway 1995a, S. 33). Cyborgs sind also Mischungen aus Maschinen und Menschen, die es derzeit tatsächlich und in Vorstellungen oder Zukunftsvisionen gibt. Dies deutet auch bereits Haraways Faible für Science Fiction an. In der Science Fiction gibt es unzählige Cyborgs, beispielsweise die Borgs bei Star Trek. Derzeit käme es beispielsweise in Militär, Medizin oder in der Form von Cybersex zur Überschreitung der Grenze zwischen Mensch und Maschine. Mit der Cyborgmetapher versucht Haraway Veränderungen in unserer Gesellschaft zu beschreiben und Vorstellungen über die Zukunft zu entwickeln. Dazu gehört die Vorstellung, daß Cyborgs "Geschöpfe in einer Post-Gender-Welt" (Haraway 1995a, S. 35) sind. Es geht ihr also um die Auflösung der Grenze zwischen Mann und Frau, da unter den herrschenden Bedingungen Gender als soziales Geschlecht eine Kategorie sei, entlang derer sich Ungleichheiten manifestieren. Es geht ihr also um eine Vision, in der diese Ungleichheiten, die Unterdrückung und Diskriminierung von Frauen zu Folge haben, aufgehoben sind. "Es geht darum zu lernen, uns daran zu erinnern, daß wir [...] körperlich immer noch anders werden können" (Haraway 1996, S. 365). Mit den technologischen Entwicklung, die immer stärker zu einer Entkörperlichung führen, ist auf Grund der hybriden Identität der Cyborgs - d.h. der Unmöglichkeit einer geschlechtlichen Zuordnung - bei Haraway die Vision einer Gesellschaft ohne geschlechtsspezifische Unterdrückung verbunden.

Der Begriff des/der Cyborg(s) wurde von Clynes/Kline (1960) geprägt. Sie dachten, daß für die Raumfahrt Hybride aus Mensch und Maschine notwendig seien, damit diese in außerirdischen Welten überleben können. Cyborgs seien "self-regulating man-machine-systems".

Evelyn Fox Keller (1996a) weist darauf hin, daß bereits Norbert Wiener über die Austauschbarkeit von Organismen und Maschinen sprach. Eine Verkettung von Mensch und Maschine stellte er sich vor, indem er davon sprach, daß es "theoretisch möglich [sei], ein menschliches Wesen durch eine Telegraphenleitung zu schicken" (Wiener 1964, S. 35). Durch die neuen technologischen Entwicklungen in den Bereichen der Virtual Reality, des Artificial Life und der Biotechnologie, so Fox Keller, komme der Mensch dieser Vision Wieners ein Stück näher. Die Computertechnologie bringe eine Entkörperlichung mit sich: "Im späten 20. Jahrhundert ist es der Computer, der unsere Vorstellungskraft beherrscht, und der uns von diesem sonderbaren Ausdruck, daß der Mensch einen Körper habe, befreit" (Fox Keller 1996a, S. 329).

Als wesentliche Thesen aus Haraways "Manifest für Cyborgs" lassen sich folgende festhalten:

Sowohl marxistischer als auch radikaler Feminismus analysieren die Unterdrückung von Frauen nur an Hand von sehr engen Kategorien (Klasse/Lohnarbeit im ersten Fall, Sexualität im zweiten) und grenzen sich von anderen Richtungen ab. Eine Einheit sei aber in der derzeitigen gesellschaftlichen Situation mehr als notwendig.

Eine solche Einheit könne unter der Verwendung der Cyborg-Metapher geschaffen werden, da es damit möglich sei, Veränderungen von Klasse, Rasse und Gender zu analysieren und so umfassende politische Identitäten zu schaffen.

EinE Cyborg überschreitet Grenzen, ist ein Hybrid aus Mensch und Maschine.

Durch Biotechnologie und neue Kommunikationstechnologien wird der "rassistische, männlich dominierte Kapitalismus" (Haraway) so verändert, daß eine "Informatik der Herrschaft" entsteht, in der Frauen mit neuen Formen der Unterdrückung konfrontiert sind. Vernetzung wird dabei zu einem immer wichtigeren Moment. Durch die neuen Technologien verwischen sich zunehmend die Grenzen zwischen Mensch und Maschine.

Die feministische Science Fiction liefert Erzählungen, die Basis für eine Vision einer zukünftigen Cyborg-Gesellschaft ohne Gender sein können, in der es also keine Grenzen und Unterschiede zwischen Mann und Frau und somit auch keine Frauenunterdrückung gibt. Die Arbeit Haraways kann als Vermischung von Theorie und Fiktion gesehen werden.

Worum es in Haraways Arbeit geht, faßt sie in der Formel Anspruchsloser Zeuge@Zweites Jahrtausend. FrauMann© trifft OncoMouseTM (so der Titel von Haraway 1996 und 1997) zusammen: Der anspruchslose Zeuge steht für den bürgerliche Vernunftmenschen, der Inhalte unkritisch hinnimmt. Ihn will sie mit ihrer Theorie in seinem Vertrauen in die Moderne stören. In der Wissenschaft glaube dieser Zeuge an die Existenz einer objektiven Realität. Das moderne Wissen sei ein typisch männliches, zum Schutz der bürgerlichen Männlichkeit sei unmännlich mit unzivilisiert und dunkelheutig mit wild gleichgesetzt worden. Wissen sei in dieser patriarchalen Moderne nur Wissen des weißen Mannes. Heute ginge es um Diffraktion, die Herstellung von Differenzstrukturen (Haraway 1996, S. 361). Die Dekonstruktion des männlichen Wissens und der männlichen Wissenschaft seien durch den Aufbau eines situierten Wissens notwendig (Haraway 1995b): Dies müsse ein Begriff sein, der "den Standpunkt der Unterworfenen" einnimmt und "eine Perspektive aus der Position der weniger Mächtigen" (Haraway 1995b, S. 83) sei. "Unterworfene Standpunkte werden bevorzugt, weil sie angemessenere, nachhaltigere, objektivere, transformierendere Darstellungen der Welt zu versprechen scheinen" (Haraway 1995b, S. 84). Totalisierung, die Betonung einer einzigen Sichtweise und Ablehnung anderer Sichtweisen (dies wirft sie dem radikalen und dem marxistischen Feminismus vor) seien der falsche Weg, notwendig seien politische Solidaritätsnetzwerke, "heterogene Vielheiten" (ebd., S. 86) und die "Verknüpfung partialer Sichtweisen und innehaltender Stimmen zu einer kollektiven Subjektposition" (ebd., S. 91). Idealerweise stellt sie sich die Formierung situierten Wissens ähnlich wie die Methode der Konsensus-Konferenzen vor. Dies ist ein parizipatorisches und diskursives Verfahren der Technikfolgenabschätzung. Laien diskutieren mit Experten relevante Fragen neuer Technologien. Die Laien verfassen danach ein Gutachten, daß der Öffentlichkeit und dem Gesetzgeber zugänglich gemacht wird (vgl. Brüchler/Simonis/Sundermann 1999).

Wir finden also in Haraways Begriff des situierten Wissens die für postmoderne Theorien typische Ablehnung einer Vereinheitlichung und die Betonung der Differenz. Nur durch die Diffraktion und das situierte Wissen könne der anspruchslose Zeuge "zu einer ihrer selbst bewußten, verläßlichen, antirassistischen FrauMann werden" (Haraway 1996, S. 362).

Das Zweite Jahrtausend und vor allem der Klammeraffe @ davor steht bei Haraway für gesellschaftliche Veränderungen. Die neue Technoscience sei deutlich unterschiedlich von der Moderne. Haraway bezeichnet die gesellschaftlichen Veränderungen, die durch Bio-, Kommunikations- und Computertechnologie ausgelöst werden, zwar nicht explizit als Postmoderne, meint aber genau diese Herangehensweise (vgl. Haraway 1996, S. 367f). Diese Technologien seien einerseits gefährlich, würden aber andererseits - so wie das menschliche Genom - eine Chance auf positive gesellschaftliche Veränderungen bieten.

Unter Technoscience versteht Haraway Netzwerke menschlicher und nichtmenschlicher Akteure, die durch Technologien Allianzen bilden (vgl. Haraway 1997, S. 50). Mit diesem Begriff bezieht sie sich auf den Technikbegriff Bruno Latours, einem Vertreter der sozialkonstruktivistischen Actor-Network-Theory (vgl. Latour 1987). Diese Theorie sieht Menschen und Nichtmenschliches (wie z.B. die Technik) als gleichberechtigte Akteuere in Netzwerken wie der Wissenschaft. Latour meint, der Mensch müsse mit Maschinen verhandeln und sie als Verbündete rekrutieren. Man müsse Gesellschaft und Technik nicht getrennt betrachten, sondern gemeinsam als Soziotechnologie. Es gehe um eine Trennung der Aufhebungen zwischen Natur/Gesellschaft, Technik/Sozialem und menschlichen/nichtmenschlichen Akteuren. Da es also auch bei Latour um die Aufhebung von Trennungen geht, erklärt sich Haraways positiver Bezug auf diesen Ansatz. Es wird also eine Gleichwertigkeit menschlicher und nichtmenschlicher Akteure angenommen.

Mit FrauMann© (4) meint Haraway ein hybrides Wesen, eine Mischung aus Mann und Frau, die kein eindeutiges Geschlecht besitzt. FrauMann© ist also Cyborg und kommt heute vor allem in Science Fiction-Erzählungen vor. OncoMouseTM war die erste genmanipulierte Maus, die verläßlich Brustkrebs bekam. Sie war das erste lebendige Wesen, das in den USA durch ein Patent geschützt wurde. Daher Trademark. Typisch für die Biotechnologie sei heute die Herstellung transgener Organismen durch die Übertragung von Genen einer Art auf eine andere. Dies stellt Haraway in einen antirassistischen Kontext, da die Reinhaltung der Körper und der Abstammung Basis rassistischer Diskurse sei (Haraway 1996, S. 374f; Haraway 1997, S. 60f). Dabei zeigt sich jedoch, daß Haraway dazu neigt, Kritik an der Biotechnologie - die sie selbst allerdings auch für notwendig erachtet - damit abzutun, daß sie KritikerInnen in einen rassistischen Kontext mit Vertretern der Ideologie einer "reinen Rasse" stellt (siehe Haraway 1997, S. 61f).

FrauMann© und OncoMouseTM sind beide Geschöpfe von genetischen Technologien, technisch manipulierte Körper. Beide, so Haraway, kommen nur durch Grenzüberschreitungen zustande und ihr Sein bedeute heute, Ware zu sein. Sie seien zwar Ergebnis der Moderne, aber bereits Hinweis auf eine postmoderne Welt ohne Frauenunterdrückung und Unterdrückung im Allgemeinen.

"OncoMouse und FrauMann sind im Schoß der Moderne und der Aufklärung gereift, aber ihre Existenz bringt die Matrix ihres Ursprungs durcheinander. Natur und Gesellschaft, Tier und Mensch: Beide Begriffspaare kollabieren. Die große Trennung zwischen Mensch und Natur sowie ihre Konsequenzen für die Geschlechter, die die Geschichte der Moderne begründete, ist durchbrochen worden [...] Reinheit der Rasse, Reinheit jeder Art, die große weiße Hoffnung der heliozentrischen Aufklärung auf ein wahrhaft autochthones Europa, der Traum des Mannes von der Selbstgeburt - alle wurden von einer Bastard-Maus und einer Ansammlung einander ebenbürtiger, unmännlicher, erfundener Menschen zerstört. Ich finde das sehr erquicklich" (Haraway 1996, S. 385).

Trotz Haraways äußerst positiven Bezug auf die Gentechnologie, kann nicht davon ausgegangen werden, daß sie die Gefahren dieser Technologie völlig unkritisch sieht. So prägt sie beispielsweise den Begriff des Genfetischismus, um sich gegen die typisch rechte Zuschreibung und Reduktion von menschlichen Eigenschaften - die sich eigentlich im Rahmen sozialer Beziehungen herausbilden - auf Gene zu wenden. Solche Zuschreibungen stellen eine wesentliche Basis des Rassismus dar. Immer wieder gibt es äußerst gefährliche Beispiele dafür: Vor einigen Jahren meinten beispielsweise die Autoren der Bell Curve-Studie, daß Schwarze weniger intelligent seien als Weiße und sich dies aus genetischen Unterschieden erklären lasse.

Marx gebraucht den Begriff des Fetischismus bei der Beschreibung des für die bürgerlich-kapitalistisch Gesellschaft typischen Phänomens, daß Eigenschaften, die aus sozialen Verhältnissen entspringen, Dingen oder Waren als inhärent zugeschrieben werden (siehe Marx 1867, S. 85-98). In Anlehnung an Marx spricht nun Haraway von Genfetischismus, wenn die aus sozialen Beziehungen entspringenden Charaktereigenschaften eines Menschen auf dessen Gene reduziert werden (vgl. Haraway 1997, S. 135-148). "The gene as fetish is a phantom object, like and unlike the commodity. Gene fetishism involves 'forgetting' that bodies are nodes in webs of integration, forgetting the tropic quality of all knowledge claims. [...] But the gene is fetishized when it seems to be itself the source of all value" (Haraway 1997, S. 142ff).

Judith Butler: Die Subversion geschlechtlicher Identitäten

Auf andere Art und Weise, aber Haraways Ansatz nicht unähnlich, hat sich die postmoderne Feministin Judith Butler (1990) mit der Entkörperlichung auseinandergesetzt. Es sei ein Fehler, anzunehmen, Frauen hätten einheitliche Eigenschaften und Interessen. Jede Frau sei ein eigenständiges Individuum. Frauen würden daher keine einheitliche Gruppe darstellen. Vor allem schwarze Frauen machten darauf aufmerksam, indem sie auf die Differenzen der Perspektiven, Identitäten und Erfahrungen zwischen schwarzen und weißen Frauen aufmerksam machten. Wir finden also auch bei Butler die typisch postmoderne Betonung von Differenz. Feminismus soll, so Butler, nicht als eine politische Bewegung agieren, da dies Einheit und allgemeine Ziele voraussetze. Dies sei aber nicht möglich, da jede Frau einzigartig sei und es nicht ausschließlich einen einzigen Feminismus geben könne.

Die im Feminismus gebräuchliche Unterscheidung zwischen biologischem (sex) und sozialem Geschlecht (gender) reproduziere die patriarchalen Dichotomisierungen. Frauen, so Butler, sollten nicht durch ihr biologisches Geschlecht definiert werden (also durch ihre Möglichkeit, Kinder zur Welt zu bringen), da dies eine große Anzahl an unfruchtbaren und noch nicht bzw. nicht mehr fruchtbaren Frauen ausschließe.

Geschlecht ist für Butler keine fixe Eigenschaft einer Person, sondern eine Kategorie, die sich in verschiedenen Kontexten und zu verschiedenen Zeiten wandeln kann. Das Geschlecht sei nicht universell, sondern davon abhängig, wie sich jemand zu einer bestimmten Zeit benimmt. Es sei daher eine Performanz und frei-fließend an Stelle einer fixierten Kategorie: "When the constructed status of gender is theorized as radically independent of sex, gender itself becomes a free-floating artifice, with the consequence that man and masculine might just as easily signify a female body as a male one, and woman and feminine a male body as easily as a female one" (Butler 1990, S. 6).

Notwendig sei heute die Subversion von Geschlecht und Identität (Gender Trouble). Dies stelle einen Versuch der Aufhebung der geschlechtsspezifischen Binärisierung in männlich und weiblich dar. Diese frei fließenden Identitäten sind ein wesentliches Element der Queer-Theorien. Dragkünstler(innen) sind Butlers wesentliche Metapher für diese Subversion geschlechtlicher Identitäten. Vor allem im kulturellen Bereich zeige sich durch Stars wie Madonna oder Boy George eine Ambiguität der Geschlechter. Symbolische Politik der ästhetischen Repräsentation sei heute quasi eine wichtige Politikform. Es müsse heute viele Formen der Politik geben, die nicht aufeinander bezogen werden müßten.

Auf die Möglichkeit der Subversion geschlechtlicher Identitäten im kulturellen Bereich verweist auch Angerer (1995): "Die gesamte Jugend-, Musik- und Modebranche spielt mit blurring boundaries, mit unisex, gay und lesbian look. In der Modebranche gelten Transvestiten - wie RuPaul - als die besten Models für weibliche Kleidung; in der Musik produzieren Michael Jackson, Boy George, Prince und Madonna uneindeutige Geschlechtsidentitäten; Filme wie The Crying Game, M. Butterfly oder Priscilla: Queen of the Desert finden bei einem breiten Publikum Gefallen. Alle diese hier genannten Momente verweisen auf eine Sehnsucht, auf die Sehnsucht dem prison house of gender, spielerisch-performativ zu entgehen".

Wenn wir einen Vergleich zu Haraways Theoriebildung anstellen, so könnte gesagt werden, daß einerseits Cyborgs als eine Subversion geschlechtlicher Identitäten im Butlerschen Sinn aufgefaßt werden können und daß andererseits Butlers Geschlechtsbegriff als Performanz ein Überschreiten der geschlechtlichen Grenzen zwischen Mann und Frau im Sinn einer/s Cyborg(s) darstellt.

Die geschlechtliche Ungleichheit ist für Butler von den Sichtweisen geschlechtlicher Rollen abhängig. Eine Dekonstruktion dieser Wahrnehmungen könne politische Veränderung herbeiführen und aus der patriarchalen Gesellschaft könne eine auf Gleichheit basierende werden.

Judith Butlers Ansatz kann als eine Interpretation der Entkörperlichung als Entgeschlechtlichung gesehen werden. Die Subversion geschlechtlicher Identitäten ermögliche das Überschreiten der patriarchalen Dichotomisierung zwischen Mann und Frau.

Sherry Turkle: Virtuelle Entkörperlichung als postmoderne Vielfalt an flexiblen Identitäten

Vor allem Sherry Turkle griff Butlers Ansatz auf, um das Verhältnis von Identität und neuen Informations- und Kommunikationstechnologien näher zu bestimmen. Eine Auswirkung der IKT ist nämlich die Herstellung einer Derealisierung, die Distanz zwischen Realität und Fiktion hebt sich tendenziell auf, beide verschwimmen: "Fiktion und Realität werden austauschbar, selbst dort, wo man die Daten eines realen Objekts aufnimmt, da der Computer eine unendliche Zahl von Bildern produzieren kann" (Raulet 1988, S. 289).

Turkle (1996) betont, daß Multi User Dungeons (MUDs) - dies sind vernetzte Rollenspiele, die über das Internet gespielt werden - den SpielerInnen ermöglichen, verteilte und multiple Identitäten auszuprobieren. Die Identität eines/r UserIn ist damit nicht mehr eindeutig bestimmbar. Turkle hat untersucht, inwiefern MUDs als Form der sozialen Interaktion Menschen mit Kontaktschwierigkeiten helfen können, diese Probleme zu überwinden. Sie gelangte zu dem Ergebnis, daß MUDs hilfreich sein können, soziale Probleme zu bewältigen, wenn eine Umsetzung der Erfahrungen aus den MUDs ins reale Leben gelingt. Gelingt dies nicht und sind sie ein Medium der reinen Flucht, so können sich bestehende psychische Probleme weiter verschlimmern.

Von besonderem Interessen bei den Formen der Herstellung multipler Identitäten in MUDs ist für Turkle (1998) der Geschlechterrollentausch, das Gender-Swapping: "Geschlechtertausch stellt eine Gelegenheit dar, Konflikte zu ergründen, die durch die eigene biologische Geschlechtszugehörigkeit aufgeworfen werden" (Turkle 1998, S. 345). Durch das Medium des virtuellen Raums kommt es also in MUDs in dem Sinn zu einer Entkörperlichung, daß nicht mehr eindeutig feststellbar ist, ob mit einem Mann oder einer Frau kommuniziert wird. Es könnte daher gesagt werden, daß die Körperlichkeit im virtuellen Raum hinter die Identitätsbildung zurücktritt. Virtueller und physischer Körper stimmen nicht mehr notwendigerweise überein. Im Sinn von Judith Butler könnten MUDs als eine Subversionstaktik geschlechtlicher Identitäten betrachtet werden.

Die Manifestationen von multipler Identität, so Turkle, würden zu einer "umfassenden Überprüfung traditioneller, unitärer Identitätstheorien" beitragen (Turkle 1998, S. 424). Der virtuelle Raum würde es Menschen ermöglichen, ein flexibles und wandlungsfähiges Selbst zu entwickeln. Diese Konzeption des Selbst sei als postmodern zu erachten, da sie eine Vielfalt an flexiblen Identitäten ermögliche. Das Internet besitze die Fähigkeit, Identitätskonzepte zu verändern. Der postmoderne Aspekt der Computertechnologie bestehe darin, daß sie ermögliche, vielfältige Standpunkte einzunehmen. "Ich habe gesagt, die Kultur der Simulation werde uns möglicherweise dabei helfen, die Vision einer multiplen, aber integrierten Identität zu verwirklichen, deren Flexibilität, Elastizität und Genußfähigkeit aus dem freien Zugang zu unseren vielen Selbsten herrührt" (Turkle 1998, S. 437f). Turkle weist aber auch auf die Gefahr hin, im Cyberspace verloren zu gehen oder den Bezug zur Realität zu verlieren.

Sadie Plant: Computertechnologie und Vernetzung als Emanzipation

Eine andere postmoderne Feministin, die sich mit dem Verhältnis von Körper und Cyberspace auseinandergesetzt hat, ist Sadie Plant (1997, 2000). In der Moderne seien Frauen wie Nachrichten, die von einem Mann zum nächsten weitergeleitet werden. In einer patriarchalen Gesellschaft würden Frauen nur als Waren und Medien existieren. Sie seien dafür zuständig, die Codes der Männer zu entschlüsseln, deren Nummern zu zählen, deren Kinder zur Welt zu bringen und deren genetischen Codes weiterzugeben. Frauen seien wie Computer verwendet worden - als Maschinen, die das Patriarchat und den Nachwuchs reproduzieren helfen sollen.

Durch die Automation der Kommunikation würden sich rhizomatische Netzwerke ausbilden, in denen Linien wichtiger sind als Punkte. Damit bezieht sich Plant auf Deleuze und Guattaris Konzept des Rhizoms, mit dem diese vernetzte Strukturen beschreiben: "In einem Rhizom gibt es keine Punkte oder Positionen wie etwa in einer Struktur, einem Baum oder einer Wurzel. Es gibt nichts als Linien" (Deleuze/Guattari 1977). Damit haben Deleuze und Guattari bereits Ende der 70er-Jahre jene Entwicklungen vorausgesehen, die in den 90ern als Netzwerkgesellschaft beschrieben wurden. Unsere Gesellschaft, so Manuell Castells (1996), sei heute durch eine Netzwerklogik geprägt. Wesentliches Moment dieser Logik ist bei Castells der Raum der Flüsse (Space of Flows). Im Space of Flows zeigt sich nun die Aufhebung von raum-zeitlicher Entfernung. Er zeichne sich nämlich durch die zeitlose Zeit und den ortslosen Raum aus. Der Raum der Flüsse löst die sequentielle zeitliche Organisation durch die Herstellung einer Gleichzeitigkeit auf.

Die Nachrichten und die Knoten, zwischen denen sie zirkulieren, sind, so Plant, binär codiert. Der binäre Code sei einerseits zwar auch typisch für das Patriarchat, andererseits würde durch die heutigen technologischen Entwicklungen die Zuschreibung einer männlichen Basis und eines weiblichen Überbaus der Gesellschaft aufgelöst. Der binäre Code als Zuschreibung von 0 und 1: weiblich und männlich verliere heute seine Gültigkeit.

Die Netzwerklogik zeige sich heute nicht nur in Wissenschaft, Technik und Ökonomie, auch soziale Bereiche würden sich verstärkt konnektionistisch von unten nach oben selbst organisieren. Entkörperlichung bedeutet für Sadie Plant die Möglichkeit, aus dem eigenen Organismus zu entfliehen. Als Beispiele dafür nennt sie die virtuelle Realität und die englische Tanzszene (Ravebewegung). Die Dance-Kultur sei ein gutes Beispiel für die neue Netzwerklogik, da sich in ihr die vorherrschenden Stilrichtungen permanent verändern.

In der Zeit vor Multimedia hätten die Medien auf den Aktivitäten einzelner Organe basiert. Im Bereich von Multimedia zeige sich heute das Überschreiten dieser Grenzen, durch die Konvergenz der Medien komme es auch zu einer Konvergenz ehemals medial separierter körperlicher Organe. Der Körper sei daher heute nicht einfach eine Ansammlung von Organen, sondern ein Punkt der Verschmelzung verschiedenster materieller Flüsse. Die Separation der Individuen von der Natur und dem Rest der Welt komme dadurch zu einem Ende, jedes System der Herrschaft habe auf solchen Spaltungen und Separationen aufgebaut. Kontrolle sei nicht beliebig ausdehnbar und verkehre sich an einem bestimmten Punkt in ihr Gegenteil. Machtstrukturen, die ihre Macht und Kontrolle immer weiter ausweiten wollen, würden diese Kontrolle an einem gewissen Punkt unterminieren, da sie eine von unten nach oben sich selbst organisierende Opposition stimulieren würden. Die Kontrolle von Frauen betreffend, sei dieser Punkt heute erreicht. Es bestehe ein enger Zusammenhang zwischen technologischer Entwicklung und der Emanzipation der Frau: "Just as machines get more intelligent, so women get more liberated!" (Plant).

Ähnlich wie Plant betont auch Evelyn Fox Keller (1986), daß Hierarchien ein typisch patriarchales Charakteristikum sind. In ihrer Analyse bezieht sie sich vor allem auf die Wissenschaft. Es bestehe ein Zusammenhang zwischen patriarchal-hierarchischen Denkmustern und den Idealen der Naturwissenschaft. Naturwissenschaftler würden die Natur hierarchisch beschreiben, da sich ihr Denken durch Sozialisierung in einer patriarchal-hierarchischen Gesellschaft entwickle.

Plant (1997) möchte eine alternative Geschichte der Technologie schreiben. Betont werden die technischen Errungenschaften, an deren Entwicklung und Durchsetzung Frauen beteiligt waren. So könne z.B. das Weben, eine für Plant typisch weiblich besetzte Technologie, als die erste Technologie verstanden werden. Betont wird z.B. auch, daß eine Frau, nämlich Lady Ada Lovelace - die Tochter des Dichters Lord Byron -, die erste Programmiersprache entworfen habe. Dies sei in Analogie zum Webstuhl vor sich gegangen. Daher bestehe eine Verbindung zwischen Computertechnologie und Weben. Die Geschichte der Technologie, so wie sie zumeist erzählt und in Büchern publiziert wird, sei eine typisch patriarchale, die weibliche Leistungen unberücksichtigt lasse und Technik als etwas typisch männliches darstelle. So wird heute z.B. von Charles Babbage als dem Erfinder der Differenzmaschine gesprochen, daß Ada Lovelace dazu ganz wesentliche Beiträge geleistet hat, wird kaum erwähnt.

Die dezentrale Vernetzung sei schon in der Vergangenheit gezwungenermaßen typisch weiblich gewesen. Vor allem im Bereich der Technologie, aber nicht ausschließlich, zeige sich heute die Erosion zentralistischer Strukturen (Internet, Vernetzung etc.). Es bestehe die Möglichkeit, daß die gesamte Kultur auf einen neuen Organisationsmodus zusteuert, der kompatibler ist mit den Arten des Handelns, mit denen Frauen in der Vergangenheit konfrontiert waren. Die Zukunft gehöre kleinen vernetzten Einheiten, die sich dezentral organisieren. Bei den Netzen des Internets sei dies heute schon der Fall. Bei Plant werde der "Cyberspace als 'weiblicher Raum' beschrieben, als ein Raum, in dem Frauen sich von 'Natur' aus besser auskennen, der ihnen in gewisser Weise immer schon vertraut war, der auf spezifische Weise 'weiblich codiert' zu sein scheint", so Angerer (1997).

Die typisch weibliche Vernetzung zeige sich heute auch in der Technologie des Hypertexts. Plants Buch "Zeros and Ones" (1997) ist ähnlich einem Hypertext strukturiert. Auch hier besteht wiederum ein Bezug, zu Deleuze und Guattari, die ihr Buch "Tausend Plateaus" nicht linear schrieben, sondern an verschiedenen Stellen gleichzeitig verfaßten. Es gebe daher keine sequentielle Reihenfolge der Kapitel, sondern diese könnten in beliebiger Reihenfolge gelesen werden. Eine solche implizite Hypertextstruktur und die Tatsache, daß Deleuze und Guattari alltägliche Begriffe neu definieren und dann in ganz anderen Kontexten gebrauchen, macht ein klares und einfaches Verständnis ihrer Werke nahezu unmöglich. Eigene Interpretationen sind notwendig.

Das Internet sei ein Beispiel für eine geordnete Unordnung, ein selbstorganisierendes System. Es habe keine traditionelle Struktur und verhalte sich fast chaotisch. Dieses dezentrale Modell ermögliche das Überdenken traditioneller - d.h. zentralistischer und hierarchischer - Organisationsweisen gesellschaftlicher Strukturen. In Bezug auf den Computer ist Plant technikoptimistisch. Er ermögliche verschiedene Einsatzmöglichkeiten. Daraus ergebe sich eine Kompatibilität ehemals inkompatibler Bereiche.

In Plant (2000) werden Drogen als Kommunikationstechnologien aufgefaßt. Der Mensch sei ein informationsverarbeitendes System. Drogen würden diese Informationsverarbeitung verändern und würden in die körperliche Kommunikation manipulativ eingreifen. Wird der Körper als Kommunikationssystem betrachtet, so müßten Hormone und Neurotransmitter als chemische Kommunikationsmedien des Körpers aufgefaßt werden. Durch Drogen könnten diese Kommunikationen erweitert oder blockiert werden. Sie seien daher chemische Maschinen, die die körperliche Kommunikation verändern.

Der Cyborg sei nun nicht Resultat der Informationstechnologie oder der Kybernetik, sondern resultiere aus den Überlegungen zum Einsatz von Drogen im Weltraum. Denn der bereits erwähnte Aufsatz von Clynes/Kline (1960) beschäftigt sich u.a. mit der Schaffung von Cyborgs, die in außerirdischen Welten mittels maschineller Prothesen überleben können. Diese Prothesen sollten die kontinuierliche Versorgung des Körpers mit speziellen Drogen garantieren.

Drogen sind für Plant Waffen: Als Medizin kämpfen sie gegen Schmerz und Infektionen. Die Verteidigungsstrategien von Pflanzen würden häufig auf dem Einsatz von chemischen Substanzen als Waffen basieren. Und auch im militärischen Bereich seien Drogen schon immer als Waffen eingesetzt worden. Z.B. um die Ausdauer von Piloten zu erhöhen oder um Kriminalisierungen unerwünschter Gruppen durchzusetzen. Die Computertechnologie ermögliche es heute, Drogen synthetisch herzustellen, da die chemische Struktur am Bildschirm genau geplant werden könne. Plant geht mit ihren Überlegungen noch einen Schritt weiter und stellt damit den Kontext zum Zusammenhang von Körper und Technologie wieder her: Wenn es möglich sei, Drogen heute am Bildschirm genau zu planen, müsse es auch möglich sein, das Gehirn durch Anschluß an einen Computer zu manipulieren. Sie hält also die Schaffung eines kybernetischen Cyborgmenschen heute für möglich. Bei dem nun geführten Krieg gegen Drogen (War on Drugs) gehe es vor allem um die Herstellung eines staatlichen Monopols der Produktion von und des Handels mit Drogen. Dieser Aspekt der Monopolisierung sei ein typisches Phänomen für die anhaltende Krise des Kapitalismus.

Differenzdenken in der Theorie der Postmoderne

Allen hier diskutierten Ansätzen ist gemeinsam, daß sie davon ausgehen, daß die voranschreitende Entkörperlichung Emanzipation mit sich bringt: Für Donna Haraway stellen die durch Biotechnologie hergestellten Cyborgs die Hoffnung auf die Emanzipation von geschlechtsspezifischer Unterdrückung dar. Judith Butler hofft auf die Überwindung solcher Unterdrückung durch die Subversion geschlechtlicher Identitäten und einer Subversion im Rahmen von symbolischen und &#