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Historien
von der Heimatfront - Ÿber die Demokratisierung des Unfalls
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Es
war einmal eine Zeit, da machte das Automobil den Menschen zum Herrenfahrer.
Selbstlenkend Ÿberfuhr er die Landschaft, scheuchte Pferde auf,
stob Federvieh und Menschen auseinander oder fuhr sie einfach tot.
Anschlie§ende Unfallflucht war nicht selten. So wurde der Herrenfahrer
zum "wilden Autler". Zwar
verleiht die Fortbewegung in der Geschwindigkeitsmaschine Ansehen
und Potenz, die den einzelnen auszeichnen, zugleich aber bedeuten
Freiheit, MobilitŠt und IndividualitŠt Anarchismus, solange sie
nicht demokratisiert sind. |
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SpŠter, nachdem
Stra§en und ihre Verkehrsordnung als Kulturfortschritt gefeiert
worden sind, taucht der wilde Fahrer mit altem Erschrecken als Geisterfahrer
im allgemeinen Automobilismus wieder auf. Entsetzte der wilde Fahrer
durch seine Geschwindigkeit, welche die Regeln des šffentlichen
Lebens zerstšrte, bedroht der Geisterfahrer seine Komplizen durch
konsequente Umkehrung der Fahrtrichtung. Geisterfahrer erinnern
durch ihren Anarchismus an die ursprŸngliche MentalitŠt der Herrenfahrer,
die sich selbstlenkend, frei und individuell im Raum bewegten. |
| Metonymie:
Setzung eines Teils als das Ganze. |
Der Preis,
den die automobile Geschwindigkeit fŸr Freiheit und BeglŸckung ihrer
Passagiere zahlen lЧt, bemi§t sich in der Zahl der Opfer. Deshalb
mu§ die Lobby auch blind sein fŸr den ungeheuren Apparat und Verwaltungsdienst,
den AutomobilitŠt erst einmal benštigt. Richten sich frŸhe Empšrungen
an den Staat als Garanten der šffentlichen Ruhe, so wird dieser
in Folge fŸr das gleiche Ziel mit umgekehrten Vorzeichen in die
Pflicht genommen. Der Staat habe nicht die Autofahrer als Gefahr
zu reglementieren, sondern die …ffentlichkeit in die Schranken zu
weisen, damit sie keine Gefahr fŸr die Autos mehr darstellt. Was
geschieht, ist eine folgerichtige metonymische Operation. |
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Wenn das Automobil
zum Kollektivsymbol moderner Gesellschaft werden kann, dann ist
es nur konsequent, da§ der SymboltrŠger das Ma§ aller Dinge wird.
Die gesamte Ordnung des šffentlichen Raumes wird nach seinem Bedarf
umstrukturiert: Freie Fahrt fŸr freie BŸrger. Diese Operation
wird bei gleichbleibenden Forderungen der Automobilisten in mehreren
SchŸben zur RealitŠt. Heute definiert sich die Stra§enverkehrsordnung
(StVO) als Schutz aller Verkehrsteilnehmer, das hei§t, nicht als
Reglement fŸr Autofahrer, die sich in einer Umwelt nicht fahrender
Passanten bewegen, sondern als Verwaltungsapparat einer …ffentlichkeit,
deren Stšrfrequenz mšglichst gering bleiben mu§. |
| IndividualitŠt.
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Die IndividualitŠt,
die das Auto reprŠsentieren soll, ist ein Effekt der Geschwindigkeit,
der die Deformation von Menschen und Landschaften meint. Der kollektive
šffentliche Raum wird, ebenso wie die Wahrnehmung der Fahrer, durch
das Vehikel individueller Geschwindigkeit zerschnitten. Die Verletzten
und Toten auf neuen und alten Stra§en stehen fŸr diese IndividualitŠt
ein. Und frŸh schon wei§ man, welcher Zustand dadurch geschaffen
wird. Zitieren wir Eugen Diesel aus seiner "Autoreise" von 1905:
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Eugen
Diesel: Autoreise (1905), Leipzig 1941, S.190.
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"Nein,
was machten wir bei unserem Abschied aus Italien fŸr einen Staub!
So etwas habe ich in meinen ganzen Leben nicht wieder erlebt.
Mehliger Kalkstaub lag fŸnf Zentimeter dick auf der Stra§e. Darauf
jagte Georg, was der Wagen hergab, durch das Tal der Piave und
hinter uns breitete sich ein ungeheurer Kegel aus. Der wei§e Kegel
hob sich und breitete sich endlos aus. Das ganze Tal der Piave
war dick eingenebelt, bis hoch zur Bergflanke lag eine wei§e Wolke
Ÿber dem Tale. Wir entsetzten die Fu§gŠnger wie mit einem Gasangriff,
ihre Gesichter verzerrten sich, und wir lie§en sie zurŸck in einer
formlos gewordenen Welt, in der weithin Feld und Baum unter einer
trockenen Puderschicht alle Farbe verloren hatten."
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| Automobilmachung.
Vgl.
Heathcote Williams' pathetisches Epos: Automobilmachung. Frankfurt/M.
1992.
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Das Automobil
fŸhrt den "totalen Krieg" und Techniken wie den Blitzkrieg ein.
Es hinterlЧt eine "formlos gewordene Welt", weil Gestalt und Farben
in der Dimension real gewordener Geschwindigkeitszonen ihre phŠnomenologischen
QualitŠten verlieren. Der wilde Fahrer, der "jagt, was der Wagen
hergibt", erfŠhrt nur zu gut, da§ Šsthetische Kategorien wie Landschaft
unter der Beschleunigung nur noch kontingente Effekte eines Rausches
oder Rauschens sind. Eugen Diesels Zeugenaussage, deren Worte wohlgemerkt
noch nicht vom Ersten Weltkrieg diktiert sind, hŠlt metaphorisch
fest, was schon bald auf Europas Stra§en Wirklichkeit geworden sein
wird: Verkehr als "kriegerischer Zustand". Mit einem Erkenntniszuwachs
von 25 Jahren fa§t Arnolt Bronnen in "Moral und Verkehr" den Fortschritt
zusammen: "Der Verkehr begann als Luxus, und er endete als Terror." |
| Marie
Holzer: Das Automobil (um 1918). In: Das Autobuch. Hg. v. K.
Roehler. Darmstadt 1983, S.13f. |
Aber
auch Terror und Krieg benštigen ein Reglement. Was expressionistische
Dichterinnen wie Marie Holzer noch als technisches Residuum des
Anarchismus feiern wollen, besitzt eine Ordnung au§erhalb der Kšrper,
die Freiheit und IndividualitŠt zu konsumieren glauben. Holzers
Text Ÿber das Jammern und Schaudern erklŠrt auch, weshalb es keine
Regellosigkeit geben darf:
"Es
rast, Schrecken verbreitend, durch die Welt, losgelšst von althergebrachten
Gesetzen. Kein Schienenstrang schreibt ihm Wege vor; keine Pferdelunge
zwingt ihn zu einem vorgeschriebenen Tempo, das in sich selber
eingezogene Grenzen hat. Es ist der Herr der unbegrenzten Mšglichkeiten."
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| Zur
Genealogie der Verkehrsschilder vgl.Agentur Bilwet: Das okkulte Verkehrsschild. In: Medien-Archiv.
Bensheim und DŸsseldorf 1993, S.52-55. |
Das Auto ist
per definitionem GrenzŸbertretung und Ekstase. Es ist "Herr der
unbegrenzten Mšglichkeiten" und von Geburt Anarchist. Deshalb zieht
Benz' Patent nicht nur weitere technische Evolutionen, wie verbesserte
Lenkung und Bremsen bis hin zu Sto§stangen, Fahrgastzellen und "Knautschzonen"
nach sich, sondern auch die Notwendigkeit von Verkehrsschildern
und †berwachungsinstitutionen wie Polizei, T†V und StVO.
Schilder und Regeln geben nur Rahmenbedingungen fŸr die Koexistenz
aller Verkehrsteilnehmer vor. Doch den technischen Regeln der Geschwindigkeitsmaschine
ist dies eine nur Šu§erlich "eingezogene Grenze", solange die Maschine
jagen kann, was sie hergibt. |
| Die
Geschwindigkeitsfabrik. |
Die neue Ordnung,
die das Automobil installiert, schreiben Industrie und Staat vor.
Die Maschine Auto transportiert mehr als nur Lasten und Passagiere
von A nach B. Das "denkende Erz" des Motors wird nicht nur metaphorisch
zum Motor des Staates und seiner Volkswirtschaft, sondern kurbelt
wšrtlich die KonsumgŸterwirtschaft an und demokratisiert Bevšlkerungen
im allgemeinen Begehren des Automobilismus. Seit den zwanziger Jahren
darf dieser Motor unseres Wohlstandes nicht mehr zum Stillstand
kommen. Es entsteht, was wir - mit Paul ValŽry - die Geschwindigkeitsfabrik
nennen.
IndividualitŠt und Freiheit bleiben auf der Strecke. Sie sind kommunikative
Gespenster, die als Opfer nicht thematisiert werden. Denn als Industrieprodukt
wird das Auto erst relevant, seitdem Serienproduktion, partielle
Austauschbarkeit und der Absatz gro§er StŸckzahlen mšglich geworden
sind. Und es werden genau diese Voraussetzungen gewesen sein, welche
die RŸstungsgŸterindustrie fŸr die folgenden Weltkriege benštigt.
Die industrielle Fertigung gibt den Takt der Geschwindigkeitsfabrik
vor, der Ÿber šffentliche Medien, Werbung und Auto-Dichter demokratisch
distribuiert wird. |
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In den AnfŠngen
des Vehikels wurden Motoren auf handgefertigte Chassis montiert.
Es sind traditionelle Kutschenmacher und Wagenbauer, die Benz und
Daimler beliefern. Kleinwagen, DreirŠder und Voituretten werden
gebaut und als LuxusgŸter an Herrenfahrer verkauft. Die 1894 aufgenommene
Serienproduktion des Benz-Velos meint kaum mehr als ein Dutzend
Fahrzeuge pro Monat. 1907 werden im Kaiserreich rund 10.000 Autos
gezŠhlt. In den USA dagegen hat die Zahl bereits die halbe Million
Ÿberschritten. Henry Ford avanciert zum praktischen GrŸndervater
der Demokratisierung des Unfalls, was Lenin und Hitler gleicherma§en
beeindruckt. Der neue Schlachtruf lautet Gebrauchswagen statt Luxusvehikel. |
| Fordismus.
Vgl.
die Debatte Ÿber Marxismus oder Fordismus um 1925.
Hier: K. GrŸnberg: Ford Motor Company (1924). In: Poesie &
Maschine. Hg. v. M. Krause. Kšln o. J., S.134ff.
Vgl.:
Henry Ford: Mein Leben und Werk., Leipzig o. J.,
S.55ff. |
In Detroit
grŸndet Ford 1905 seine Company. Die amerikanische Erfolgsstory
Henry Fords grŸndet nicht nur auf der EinfŸhrung des Acht-Stunden
Tages und der Lohnanhebung. Einher mit dem Flie§bandtakt und der
Uniformierung des Automobils, geht eine strikte Uniformierung der
Arbeiter, gleiche Kleidung mit unterschiedlichen Identifikationsnummern.
Als Initiation der Ford-Motor-Company dient zwar ein gewonnenes
Autorennen aber das ist nur die "Sportnuance". Ford setzt ganz auf
die Massenproduktion als "eigentliche[s] GeschŠft". Was er will,
wie die erste Werbung propagiert, sind Alltagsfahrzeuge, die "gerade
schnell genug" sind, um den normalen BŸrger zu befriedigen. Das
aber hei§t: Beschleunigung genau bis Ÿber die Wahrnehmungsgrenze,
nŠmlich bis man, so die Werbung, die "Augen aufrei§en mu§, um die
Meilensteine zu zŠhlen." Dieser allgemeine Automobilismus fŸr alle
steht natŸrlich in expliziter Absetzung zum wilden Fahrer.
1907 entschlie§t sich Ford, "ohne jede VorankŸndigung", das Automobil
selbst noch einmal zu uniformieren. Nach den Modellen "A", "B",
"C" usw. lЧt er die Kunden in einer Verlautbarung wissen, da§ fortan
nur noch das eine Modell "T" gebaut werde, aber da§ sie jede Farbe
wŸnschen kšnnten, "solange sie nur schwarz ist". |
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In Deutschland
fŠngt die Demokratisierung des Automobilismus nicht an anzufangen.
TagesstŸckzahlen von 25 bis 30 Fahrzeugen sind Ÿblich. Es ist also
im Sinne des Erfinders, wenn Benz eine Kommission zur Untersuchung
der amerikanischen Fabrikationsmethoden Ÿber den Atlantik schickt.
Erst in den 20er Jahren werden in Europa Pre§werke eingefŸhrt, die
die Fertigung hoher StŸckzahlen identischer Karosserien erlauben.
Das zuvor Ÿbliche Beplanken von Holzkonstruktionen mit Blech mochte
noch den Hauch manueller Herstellung besitzen. Die neuen Pre§werke
aber zerstanzen endgŸltig den Mythos des individuellen Produkts
durch die UniformitŠt aller Teile. In die Form des Blechs wird die
Uniform der Massenware geprŠgt, die in ihrer Kombination als Auto
den Fahrern Unteilbares bescheren soll. IndividualitŠt aber
erhŠlt das Fahrzeug erst, wenn es seine UniformitŠt verliert, wenn
es deformiert sein wird. |
| Der
KŸhler als Firmenlogo.
Vgl.
Der Spiegel 3/94, S.273.
"Die
Limousine hat bereits AnsŠtze von Schnittigkeit - auf eine flie§ende,
un-Volvo-hafte [sic] Art, auch wenn typische Erkennungsmerkmale
erhalten bleiben. So signalisiert der KŸhlergrill zum Beispiel
weiterhin Schutz im bšsen Stra§endschungel." So Garvin Green,
Chefredakteur 'Car Magazin', in: Die Woche, 23. 8. 1996, S. 41.
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In den Anfangsjahren
bringt es die Zulieferung weniger Pre§werke an viele Automobilfirmen
mit sich, da§ verschiedene Marken gleiche Bauformen aufweisen. So
wird der KŸhler zum einzigen Ort signifikanter Unterscheidungsmerkmale
der Hersteller. Andere Experimente, etwa mit den KotflŸgeln, haben
sich automobil-evolutionŠr nicht durchsetzen kšnnen. Die signifikante
Funktion des KŸhlers hat bis heute Bestand: Unter nicht weniger
als vier Markennamen wird 1994 ein baugleicher Wagen vorgestellt.
Es ist ein Gro§raumwagen der Hersteller Citroen, Peugot, Fiat und
Lancia, der firmenspezifisch "einzig an Nuancen in der Gestaltung
des KŸhlergrills" identifiziert werden kann.
Der KŸhler zentriert die Symbolik, welche die Industrie fŸr ihr
Produkt entwirft. An seiner Form, der Figur, die er trŠgt, sollt
ihr ihn erkennen. Motorisierung zu Lande, im Wasser und in der Luft
symbolisiert der Mercedes-Stern. Das Logo von BMW verweist auf deutlich
gewordene menschliche Wahrnehmungsdefizite: Propellerdrehzahlen
lassen die einzelnen RotorblŠtter im blau-wei§en Geschwindigkeitsemblem
als Segmente stillstehen. Rasender Stillstand - Schwellenwerte,
die Psychophysiker seit Ende des vorigen Jahrhunderts an allen fŸnf
Sinnen des Menschen auszuloten beginnen.
Die KŸhlerfigur des Rolls-Royce setzt dagegen auf die konservative
Restauration goldener Zeitalter, auf Grazie und Anmut einer griechischen
Siegesgšttin, auf die harmonische Fassade eines Tempels. Nimmt man
die symbolischen Aussagen der drei KŸhler zusammen, wird Marinettis
Futuristisches Manifest von 1909 tatsŠchlich manifest: "... ein
aufheulendes Auto, das auf KartŠtschen zu laufen scheint, ist schšner
als die Nike von Samothrake." Plausibel, da§ Marinetti eher BMW
denn Rolls-Royce gefahren haben wŸrde. |
| Erwin
Panofsky: The Ideological Antecedents of the Rolls-Royce Radiator.
In: Proceedings of the American Philosophical Society. Vol. 107
(1963), S.273-288. |
Wie gut die
emblematische Funktion des KŸhlerortes institutionalisiert wurde,
kann man einem berŸhmten Zeitgenossen entnehmen, der sich seinerseits
fŸr Rolls-Royce entschieden hat. Erwin Panofsky, BegrŸnder der Ikonologie
in der Kunstgeschichte, sieht im KŸhler des Rolls-Royce schlicht
die symbolische Inkarnation von zwšlf Jahrhunderten originaler "british
attitude". Das hei§t: "the specifically Romantic preoccupation with
infinity and night", welche die Lincoln Karosse und der KŸhlergrill
zum Ausdruck bringen. Die "ideologischen VorgŠnger" stellen jedoch
nicht mittelalterliche Architekturen und romantische Autoren dar,
sondern, wie eine Fu§note erhellt, die persšnliche Bekanntschaft
Panofskys mit dem Vize-PrŠsdidenten von Rolls-Royce. |
| Design
und Kollektivsymbolik.
R.
J. F. Kieselbach: Vom Torpedo-Phaeton zur Ganzstahl Limousine.
Zur Geschichte des Automobildesigns. In: Das Automobil
in der Kunst. Hg. v. R. Zeller, S.288.
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Nach Rennsport
und Marketing wird das Design in den 20er Jahren zum Instrument
der Produktprofilierung. Die Form des Wagens wird differenzierter
Ausdruck der Kollektivsymboliken, von Luxus oder Sportlichkeit,
Eleganz und Erotik. Sie bildet eine Schnittstelle zwischen šffentlicher
und individueller Wahrnehmung.
Die ersten Automobile legen noch ihre Herkunft von der Kutsche offen
dar - auch in diesem Sinne Herrendiskurs. Ihre rudimentŠre FunktionalitŠt
wird mit angestammten Symbolen ausstaffiert: "UnŸbersehbar war hier
noch der Gedanke an die geschlossene Kutsche fŸr die Passagiere
und den offenen Bock fŸr den Kutscher lebendig." |
| Walter
Gropius: Die neuen Adler-Wagen, (1931). In: Das
Automobil in der Kunst, S.331. |
Die Kollektivsymbolik
ermšglicht immer neue Konnotationen, šffnet sich den Diskursen der
Zeit. Bis 1920 kommt der Bootsstil in Mode. Die Formen der Fahrzeuge
evozieren die Erinnerung an das internationale AufrŸsten der Flotten
- Tirpitz'sches Erbe und MatrosenanzŸge fŸr die Nachwuchsfahrer.
SpitzkŸhler, spitz zulaufendes Heck und ausgekehlte SeitenwŠnde
(mitunter sogar Ruderpinnen und Fahnenstangen) bringen ab 1908 FormbewŠhrtes
imperialistischer †berseepolitik und das Vehikel des Fortschritts
auf einen Nenner.
Sogenannte Stilkonsulenten beraten Automobilbauer, bevor die Industrie
eigene Entwurfateliers einfŸhrt. In Frankreich statten MšbelkŸnstler
wie Maurice DufrŽne oder KŸnstlerinnen wie Sonia Delaunay-Terk Automobile
fŸr die feine Gesellschaft aus. Aber Kunsthandwerk und Luxusdesign
sind lŠngst wšrtlich Art deco. Das Auto ist nur in den Parametern
von Masse, Nutzen und Geschwindigkeit zu beschreiben. Walter Gropius
konstatiert:
"da§
ma§ der schšnheit eines automobils hŠngt nicht von der zutat an
schnšrkeln und zierat ab, sondern von der harmonie des ganzen
organismus, von der logik der funktionen... ."
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| "Die
Stromlinienform hat den Charakter einer Metapher der
Bewegung und versinnbildlicht darŸber hinaus Freiheit, Erfolg
und ModernitŠt." J. Petsch: Geschichte des Auto-Designs. Kšln 1982,
S.110.
So
schon Arnolt Bronnen: Triumph des Motors
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In den 30er
Jahren bietet sich ein neues Kollektivsymbol fŸr das Design an,
die Flottenpolitik ist Ÿberholt. Nicht mehr das Schiff steht Pate,
sondern das Flugzeug und sein Ideal der Aerodynamik. Die motorisierte
Dreifaltigkeit des Mercedessterns ist komplett. …ffentlichkeitswirksame
Glanzleistungen wie Lindberghs AtlantikŸberquerung von 1927 geben
den entscheidenden Impuls. Mit dem Rekurs auf das Flugzeug gelingt
die kombinierte Beschwšrung von Geschwindigkeit, technischem Fortschritt
und autonomer MobilitŠt. Die Werbung unterstŸtzt diese Sinnstiftung,
indem sie den Prestigecharakter der Autos herausstellt. |
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Zu dieser
Zeit ist die Demokratisierung des Unfalls bereits vorangeschritten.
Dennoch fehlt in Deutschland der entscheidende Durchbruch zu Volkes
Wagen. Die deutschen Automobilbauer leiden unter chronischer KapitalschwŠche.
Gab es 1922 Ÿber 100 Automobilfirmen, sind es 1933 nur noch 16.
1926 fusionieren die Benz & Cie. Rheinische Automobil- und Motorenfabrik
und die Daimler-Motorengesellschaft zur Daimler Benz AG. Als Kupplerin
fungiert die Deutsche Bank - so wachsen BŸndnisse Ÿber die Zeitwirren
hinweg. Trotz der gro§en Fusionen finden Konstrukteure wie Ferdinand
Porsche lange Zeit nicht die richtigen Geldgeber und Ansprechpartner.
Erst Hitlers PlŠne, das Volk auf kriegsgebahnten Wegen in "neue
LebensrŠume" zu befšrdern, wird mit Steuergeldern und staatlicher
Arbeitsrekrutierung alle finanziellen Nšte beseitigen. |
| Wirtschaftsstrukturen.
Sloanism
. |
Durch die
Automobilindustrie erhšht sich die Internationalisierung der Wirtschaftsstrukturen.
Als 1929 General Motors die Adam Opel Werke aufkauft, reagiert Ford
sofort mit dem Bau eines eigenen Werkes in Kšln. Die dort fabrizierten
Produkte erhalten auf ihrem KŸhlerschild neben dem Ford-Schriftzug
den Vermerk: Deutsches Erzeugnis. In RŸsselsheim lŠuft zu dieser
Zeit die erste Flie§bandproduktion Europas an. Schon hat in den
USA ein harter VerdrŠngungswettbewerb eingesetzt, der neben der
Massenproduktion neue Instrumentarien erfordert.
WŠhrend Ford zur EinfŸhrung eines neuen Modells innerhalb von nur
fŸnf Tagen fŸr Ÿber 1 Mio. $ Anzeigen in gro§en Zeitungen und Magazinen
schaltet, versucht General Motors sich mit der EinfŸhrung eines
jŠhrlichen Modellwechsels vom ewig gleichen Massenprodukten abzuheben.
Der nach GM-Chef Alfred Sloan getaufte "Sloanism" wird als neue
Form der Produktprofilierung dem "Fordism" entgegengehalten und
produziert im jŠhrlichen Takt der Geschwindigkeitsfabrik, sprich
Autmobil-Salons, die "feinen Unterschiede", die individuelles Prestige
garantieren sollen. Dieser Wettkampf wiederholt sich im Deutschland
der Nachkriegszeit. Der Opel Kadett mu§ immer ein wenig besser sein,
als der VW-KŠfer.
Zum
nŠchsten Kapitel
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