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Die Gesellschaft des
Situationismus
“Auch wenn eine konstiuierte
situationistische Theorie niemals als eine mögliche Quelle der Inspiration
existiert hätte, das System des Warenkonsums enthält implizit seinen
eigenen Situationismus.”
—Daniel Denevert, Theorie des Elends, Elend der Theorie
1
Die zweite proletarische Erhebung gegen die Klassengesellschaft ist in ihre
zweite Phase eingetreten.
2
Die erste Phase — die in den l950ern begann und in den offenen Kämpfen der
späten Sechzigern gipfelte — fand ihren fortschrittlichsten theoretischen
Ausdruck in der Situationistischen Internationale. Situationismus ist die
direkte oder implizite Ideologisierung der situationistischen Theorie in der
revolutionären Bewegung und in der Gesellschaft als Ganzes.
3
Die S.I. artikulierte das Ganze der globalen Bewegung, gleichzeitig nahm sie
an ihr in dem Sektor, wo sie sich selbst fand, teil, sie ergriff “die Gewalt der
Deliquenten auf der Ebene der Ideen” und gab ihren theoretischen Positionen
sofort praktische Durchsetzung. So stellte sie der revolutionären Bewegung nicht
nur ein Modell in der Form ihrer Schlüsse vor, sondern auch indem sie
beispielhaft die weitergehende negierende Methode aumführte; diese
Methode war der Grund dafür, daß ihre Schlüsse fast immer richtig waren.
4
Indem sie unter vielen ihrer Partisanen die selben dringenden Bedürfnisse,
die sie selbst praktizierte, schuf und indem sie selbst die am wenigsten
Autonomen zwang, wenigstens von ihr autonom zu werden, zeigte die S.I., daß sie
revolutionär erziehen konnte. Im Raum weniger Jahre haben wir eine
Demokratiserung theoretischer Aktivität gesehen, die — selbst wenn sie
ersehnt wurde — in der alten Bewegung eines Jahrhunderts nicht erreicht wurde.
Marx und Engels waren nicht fähig, Gegner anzustacheln; keiner der Zweige des
Marxismus behielt Marxens einheitliche Perspektive bei. Lenins Beobachtung 1914,
daß “keiner der Marxisten des letzten halben Jahrhunderts Marx verstanden hat”
ist wirklich eine Kritik Marxens Theorie, nicht weil sie zu schwer war, sondern
weil sie ihre eigene Beziehung innerhalb der Gesamtheit nicht erkannte und
berücksichtigte.
5
Die innerste Natur der situationistischen Mißerfolge — von ihnen mit
gnadenloser Genauigkeit ausgedrückt und kritisiert — ist eine Bestätigung
ihrer Methoden. Ihre Mißerfolge dienten wie ihre Erfolge zur Konzentration,
zur Erleuchtung und zur Polarisation. Keine andere radikale Richtung in der
Geschichte kannte einen solchen Grad an internationaler öffentlicher
theoretischer Debatte. In der alten proletarischen Bewegung war konsequente
theoretische Polarisation immer die Ausnahme, die Explosion, die entgegen der
Absichten der Theoretiker selbst ausbrach und nur als ein letzter Ausweg, wenn
die Fortführung einer gezwungenen Einheit sichtlich nicht länger möglich war.
Marx und Engels unterließen es, sich öffentlich vom Gothaer Programm zu
distanzieren, weil “die Esel von Bourgeoisblättern dies Programm ganz ernsthaft
genommen haben, hineingelesen haben, was nicht darin steht und es kommunistisch
gedeutet; die Arbeiter scheinen dasselbe zu tun” (Engels an Bebel, 12. Okt.
1875). Indem sie so durch Schweigen ein Programm gegenüber seinen Feinden
verteidigten, verteidigten sie es auch gegenüber seinen Freuden. Wenn im
gleichen Brief Engels sagte, daß: “Wenn unter der Bourgeoispresse ein einziger
kritischer Kopf wäre, er hätte dieses Programm Satz für Satz durchgenommen,
jeden Satz auf seinen wirklichen Inhalt hin untersucht, den Unsinn recht
handgreiflich auseinandergelegt, die Widersprüche und ökonomischen Schnitzer
(...) entwickelt und unsere ganze Partei greulich lächerlich gemacht”, beschrieb
er als einen Mangel der bürgerlichen Presse, was gerade eher ein Mangel der
revolutionären Bewegung dieser Zeit war.
6
Der konzentrierte Ausdruck gegenwärtiger historische Subversion wurde selbst
dezentralisiert. Der monolythische Mythos der S.I. ist für immer
explodiert. Während der ersten Phase hatte dieser Mythos eine gewisse objektive
Basis: Auf der Ebene, auf der sie operierte, hatte die S.I. keine ernsthaften
Rivalen. Nun sehen wir eine öffentliche und internationale Konfrontation
autonomer situationistischer Theorien und Ideologien, die keine Richtung auch
nur näherungsweise monopolisiert. Jede situationistische Orthodoxie hat den
zentralen Vertreter verloren. Von diesem Punkt an muß jeder Situationist oder
Möchte-Gern-Situationist seinem eigenen Weg folgen.
7
Die ersten Kritiken des Situationismus blieben grundsätzlich unhistorisch.
Sie maßen die theoretische Armut der Pro-Situs an der Theorie der ersten Phase.
Sie sahen die subjektive Armut und die interne Inkonsistenz dieses Milieus, aber
nicht seine Position in Bezug auf die Summe der theoretischen und praktischen
Vektoren eines bestimmten Momentes; es mißlarg ihnen, diese “erste
undialektische Anwendung” als die qualitative Schwäche des Gesamten, als
ein nötiges “Moment des Wahren” zu begreifen. Auch Thesen über die S.I. und
ihre Zeit — in vieler Beziehung die Summe der ersten Phase und ihr
Übergangspunkt zur zweiten — streifte kaum den wirklich historischen Aspekt des
Situationismus.
8
In jedem Stadium des Kampfes erschafft die teilweise Realisation der Kritik
ihren eigenen neuen Gleichgewichtspunkt mit der herrschenden Gesellschaft. Wenn
die Theorie denen, die sie formulierten, entkommt, tendiert sie durch ihr
autonomes ideologisches Moment dazu, in allen möglichen Permutationen und
Kombinationen erprobt zu werden, obwohl jene im Prinzip die neuen Entwicklungen
und Illusionen des Moments reflektieren. Im Übergang der ersten Phase zur
zweiten gefangen, waren die Pro-Situationisten in der Nach-68er “Ebbe des Mai”
Periode die Verkörperung der Trägheit einer bestehenden Theorie. Diese
ideologische Verzögerung — in der es den Partisanen der situationistischen
Theorie mißlang, den neuen Entwicklungen in ihrer eigenen Praxis, der des
Proletariats und der Gesellschaft als Ganzes, gegenüberzutreten — bemißt die
Schwäche der Situationistischen Bewegung; wohingegen die noch nie dagewesene
Schnelle, mit der sie ihre eigenen interne Negation betrieben — sich tatsächlich
selbst sabotierten, um die Explosion zu festigen, die sie schon verlassen
hatte und den Boden für eine neue Phase vorzubereiten — ihre fundamentale
Rechtfergigung bedeutet.
9
Die Pro-Situationisten sahen die Themen der zweiten Phase in den Ausdrücken
jener der ersten Phase. Indem sie die neuen, weitverbreiteten und relativ
bewußten Arbeiterkämpfe behandelten, als wären sie nihilistische isolierte
Handlungen einer früheren Periode, denen deswegen zuerst das sprichwörtliche
“Bewußtsein dessen was sie schon getan haben” abginge, zeigten die Pro-Situs
nur, daß ihnen das Bewußtsein dessen abging, was andere schon taten und all
dessen, was noch abging. In jedem einzelnen Kampf sahen sie denselben einfachen
totalen Schluß und identifizierten den Fortschritt der Revolution mit der
Übernahme dieses Schlußes durch das Proletariat. So die Intelligenz der
menschlichen Praxis über den komplexen Prozess der Entwicklung der Klassenkämpfe
abstrakt konzentrierend, waren die aktivistischen Pro-Situs die
Möchtegern Bolschewiki eines fantasierten Coups des Klassenbewußtseins;
in diesem Kurzschluß hofften sie, ihr Räteprogramm zustande zu bringen, dessen
Implikationen sie aus Unverständnis und Ungeduld übergingen.
10
Die S.I. wandte ihre Theorie gerade nicht auf die Aktivität der
Formulierung jener Theorie an, obwohl gerade die Natur jener Theorie ihre
mögliche Demokratisierung enthielt und so diese Frage auf die Tagesordnung
setzte. Im Nachmai hatte weder die S.I. noch die neue Generation von
Aufständischen, die sie angestachelt hatte, wirklich den Prozess der
theoretischen Produktion weder in seinen Methoden noch in seinen subjektiven
Auswirkungen, bis auf einige vage empirische Faustregeln, untersucht. Der
Leergang der teilweisen Realisation der Situationistischen Theorie riß sie
unvorbereitet von größenwahnsinnigem Delirium zu Inkohärenz, zu Kettenreaktionen
inhaltsloser Brüche, zu Impotenz und schließlich zur massiven psychologischen
Unterdrückung der ganzen Erfahrung, ohne daß sie sich je gefragt hätten, was mit
ihnen geschah.
11
Auch wenn die S.I. viele schlecht vorbereitete Partisanen anzog, allein die
Tatsache, daß so eine Menge Leute ohne spezielle Erfahrung in oder
Veranlagung oder Vorliebe für revolutionäre Politik dachten, in
situationistischer Aktivität ein Gebiet zu finden, auf dem sie sich autonom und
konsequent engagieren könnten, bestätigt die Radikalität der Theorie als auch
der Epoche. Wenn das situationistische Milieu soviele Illusionen und Absichten
manifestierte, war das nur der natürliche Seiteneffekt der ersten Siege einer
Kritik, die soviele Illusionen über die und Absichten der herrschende(n)
Gesellschaft zerbrach.
12
Weil die Ideologien der ersten Phase alles unterdrückten, was mit den
Situationisten zu tun hatte — dazu enthielten sie die Konzepte, die am
ausdrücklichsten mit ihnen verbunden sind — hatte die eventuelle Entdeckung der
situationistischen Kritik den übersteigerten gegensätzlichen Effekt, daß den
Situationizten ein scheinbares Monopol des radikalen Begreifens der
modernen Gesellshaft und ihrer Opposition gegeben wurde. So hatte der Beitritt
zur situationistischen Kritik den abrupten, fanatischen Charakter einer
plötzlichen religiösen Bekehrung (oft mit der entsprechen,
uneingestandenen (engl.: ulterior, uneingestanden, später) Zurückweisung
von ihr in toto). Im Gegensatz dazu ist der junge Revolutionär, der hetue
situationistische Positionen übernimmt, weniger diesem fanatischen Exzess
verhaftet, und zwar genau deswegen, weil verschiedene Nuancen situationistischen
Kampfes und ihrer Rekuperation ein alltäglicher Aspekt seiner Welt sind.
13
In der zweiten Phase war Revolution von einem scheinbaren Randphänomen zu
einem sichtlich zentralen geworden. Die unterentwickelten Länder hatten ihr
scheinbares Monopol der Auseinandersetzung verloren; aber die Revolutionen dort
hatten nicht aufgehört, sie waren nur modern geworden und ähnelten mehr
und mehr den Kämpfen in den entwickelten Ländern. Die Gesellschaft, die ihren
Wohlstand proklamierte, ist nun offiziall in der Krise. Die bis dahin
isolierten Gesten der Revolte gegen scheinbar nur isoliertes Elend haben sich
nun als allgemein erkannt und vermehren sich und überragen jede
Buchführung. 1968 war die Zeit, da die revolutionären Bewegungen begannen, sich
in internationaler Gesellschaft zu sehen, und diese globale Sicht
zerbrach definitiv die Ideologien, die Revolution überall sahen, nur nicht im
Proletariat. Also war 1968 das letzte Mal, daß größere Revolten Studenten
revolten zu sein scheinen konnten.
14
Das proletariat hat begonnen, selbst zu handeln, doch bis jetzt kaum
für sich selbst. Revolten sind weiterhin, so wie sie es das letzte
Jahrhundert über waren, weitestgehend defensive Reaktionen: Die Übernahme von
Fabriken, die ihre Besitzer aufgegeben haben oder von Kämpfen, die ihre Anführer
aufgegeben haben (besonders in den Nachkriegszeiten). Wenn Teile des
Proletariats begonnen haben, für sich selbst zu sprechen, müssen sie noch ein
offen internationalistisches revolutionäres Programm ausarbeiten und tatsächlich
ihre Ziele und Richtungen international ausdrücken. Wenn sie als Beispiel für
Proletarier anderer Länder dienen, so noch immer wegen der de facto Vormittlung
radikaler Gruppen und spektakulärer Berichterstattung.
15
Die Ideologie der ersten Phase, die die konkrete Realisation radikalen
Wechsels betonte, ohne das Negative oder die Totalität zu erfassen, hat ihre
Realisation in der Wucherung sogenannter alternativer Einrichtungen
gefunden. Die alternative Einrichtung unterscheidet sich vom klassischen
Reformismus indem sie hauptsächlich ein direkter, selbst-verwalteter
Reformismus ist, einer, der nicht auf den Staat wartet. Sie
rekuperiert die Initiative und die Energie des durchschnittlich Unbefriedigten
und ist ein sensitiver Indikator von Schwachstellen im System und deren
Behebungsmöglichkeiten. Alternative Produktion — deren Entwicklung am Rande der
Ökonomle die historische Entwicklung der Warenproduktion rekapituliert — dient
der bürokratisierten Ökonomie als ein free-enterprise Korrektiv. Aber die
Demokratisierung und “Selbstverwaltung” der sozialen Strukturen sind — obwohl
produktiv an Illusionen — auch ein günstiger Faktor für die Entwicklung der
revolutionären Kritik. Sie läßt den oberflächigen Brennpunkt des Kampfes hinter
sich und sorgt für ein sichereres und leichteres Gebiet, von dem aus und auf dem
die wesentlichen bestritten werden können. Die Widersprüche in
mitverantwortlicher Produktion und alternativer Verteilung erleichtern die
Entwendung ihrer Güter und Fähigkeitn, bis zu dem Punkt quasi legalen
“Straßburgs der Fabriken”.
16
Der ohne-mich-trip drückt die Tatsache aus, daß, als Waren
reichlicher, anpassungsfähiger und verfügbarer wurden, die individuellen Ware
zugunsten des Ganzen entwertet wurde. Der Trip bot nicht eine einzelne Ware oder
Idee an, sondern ein Organisationsprinzip der Auswahl unter allen Waren und
Ideen. Im Gegensatz zum Zeitblock des “alles inbegriffen”, der noch als eine
spezielle Ware verkauft wird, ist der Warencharakter des vage ausgedrückten,
unbeschränkt ausgebreiteten Trips (Kunst, Handwerk, Arbeit, Hobby, Lebensstil,
Subkultur, Soziales Projekt, Religion) — der einen flexibleren Komplex von Waren
und Stars mit sich gringt — durch die schein-autonome Aktivität, bei der das
Subjekt zu dominieren scheint, verdunkelt. Der Trip ist der Moment, wo das
Spektakel so überentwickelt wurde, daß es teilnehmend wurde. Er entdeckt die
subjektive Aktivität wieder, die im Spektakel abgeht, aber läuft in die Grenzen
der Welt, die das Spektakel gemacht hat — Grenzen, die im Spektakel genau
deshalb abwesend sind, weil es vom täglichen Leben getrennt ist.
17
Die Verminderung der exklusiven Herrschaft der Arbeit und die Zersplitterung
der daraus folgend ausgeweiteten Freizeit geben dem weitverbreiteten
Dilettantismus der modernen Gesellschaft Nahrung. Das Spektakel stellt den
Superagenten vor, der bis aufs Grad genau erzählen kann, wie die richtige
Temperatur ist, Reiswein zu servieren und führt die Massen zu exotischen
Lebenstechniken und Vergnügungen für Kenner, die früher der Oberschicht
vorbehalten waren. Aber der verkündete “neue Renaissance Mensch” ist der
Beherrschung seines eigenen Lebens nicht näher gekommen. Wenn das Spektakel
überentwickelt wird und die Armut und Einseitigkeit seines Beginns verstoßen
will, erweist es sich als nur ein armseeliger Verwandter des revolutionären
Projekts. Es mag die Vergnügungen vervielfachen und zugänglicher machen,
seine Warenbasis, aber zwingt es unausweichlich in die Matrix des Konsums
zurück. Isolierte Individuen mögen in einer Karrikatur von Fourier sich um immer
mehr verfeinerte Nuancen des gewöhnlichen spektakulären Geschmacks versammeln,
doch diese Verbindungen sind alle umso mehr voneinander und von der
gesellschaftlichen Totalität getrennt, und das Streben nach leidenschaftlicher
Aktivität scheitert an seiner Trivialität. Der neue Kosmopolit bleibt
historisch provinziell.
18
Das Spektakel antwortet auf die wachsende Unzufriedenheit mit ihrer Tendenz
zur Uniformität des Kleinsten Gemeinsamen Nenners mit siener Vervielfältigung.
Kämpfe werden in Kämpfe über das Spektakel kanalisiert, dies führt zur
halbautonomen Entwicklung getrennter, für verschieden soziale Gruppen
handgeschneiderte Spektakel. Aber die außergewöhnliche Macht des Spektakels
kommt daher, daß es für einen Moment ins Zentrum des sozialen Lebens plaziert
war. So vermindert das Wachsen spektakulärer Wahlfreiheit gleichzeitig die
spektakuläre Macht, die gerade von der Großartigkeit und ungeteilten
Begeisterung der Pseudogemeinschaft abhängt, die das Spektakel zusammenhält. Das
Spektakel muß widersprüchlicherweise alle Dinge für alle Menschen individuell
sein und sich gleichzeitig als ihr einziges, exklusiver einigendes Prinzip
dauernd aufs Neue behaupten.
19
Das Spektakel belebt das Tote wieder, importiert das Fremde und
interpretiert das Existierende neu. Die Zeitspanne, die die Dinge
erfordern, damit man die eigentlich altmodische Banalität erlangt, sich mit
ihnen “zuhause” zu fühlen, nimmt kontinuierlich ab; das Original wird
gleichzeitig mit dem Verschnitt vermarktet, von dem es oft kaue zu unterscheiden
ist; künstlerische Diskussionen drehen sich immer öfter um die einfache Frage,
ob etwas eine Parodie ist oder nicht. Dies drückt die wachsende Verachtung für
das kulturelle Spektakel seitens seiner Produzenten und Konsumenten aus. Die
Gesellschaft produziert einen immer schnelleren Wechsel von Moden und
Ideologien, bis hin zu dem Punkt eines Deliriums, dem keiner entkommt. Da alle
Permutationen und Kombinationen durchlaufen sind, werden die individuellen
Schwächen und Widersprüche sichtbar, und die gemeinsame Form, die hinter
den verschiedenen Inhalten liegt, wird entdeckt; “die Illusionen mit zunehmender
Geschwindigkeit zu wechseln, löst schrittweise die Illusion des Wechsels auf”.
Mit der globalen Vereinheitlichung, die das Spektakel ausübt, wird es zunehmend
schwieriger, ein System zu idealisieren, weil es in einem anderen Teil der Welt
ist, und die globate Zirkulation von Waren und daher von Leuten bringt den
historischen Zusammenstoß von östlichem und westlichem Proletariat immer
näher. Das Recycling der Kultur legt all die alten Traditionen trocken und
bricht sie auf, es bleibt nur die spektakuläre “Tradition des Neuen”. Aber das
Neue ist nicht mehr außergewöhnlich und das ungeduldige Verlangen nach
Außergewöhnlicem, das das Spektakel schuf, könnte sich in ein ungeduldiges
Verlangen, das Spektakel zu realisieren und zu zerstören, verwandeln, die
einzige Idee, die dauernd wirklich “neu und anders” bleibt.
20
Insoweit die situationistische Theorie eine Kritik aller Aspekte des
entfremdeten Lebens ist, spiegeln die verschiedenen Nuancen des Situationismus
in konzentrierter Form die allgemeinen Illusionen der Gesellschaft wieder, und
die von den Situationisten erschaffenen ideologischen Verteidigungen nehmen die
ideologischen Verteidigungen des Systems vorweg.
21
Die situationistische Theorie hat den vollen Wirkungskreis erreicht, wenn
ihre Kritik des täglichen Lebens heranhgezogen wird, das blasierte Vokabuler
einer Rechtfertigung des Status Quo bereitzustellen. Individuen, zum Beispiel,
die ihre Unzufriedenheit mit dem selbstzufriedenen Pseudogenuß im
situationistischen Milieu ausdrückten, wurden durch das Fehlen einer “Fähigkeit
zum Genuß”, eines “Sinns für das Spiel” oder gar einer “radikalen Subjektivität”
charakterisiert, und des “Voluntarismus” oder “Militantismus” beschuldigt, da
sie konkret radikale Projekte oder mehr experimentelle Aktivitäten vorschlugen.
22
Vaneigemismus ist eine extreme Form des modernen Anti-Puritanismus,
der vorgeben muß zu genießen, was vermutlich genießenswert ist. Wie der Städter,
der seine Vorliebe für das “Leben auf dem Land” bekräftigt, obwohl er aus
irgendwelchen Gründen nie dahin geht oder wenn, bald gelangweilt ist und in die
Stadt zurückkehrt, muß der Vaneigemist Vergnügen heucheln, weil seine Aktivität
per Definition “leidenschaftlich” ist, auch wenn diese Aktivität tatsächlich
langweilig oder nichtexistent ist. Indem er jeden wissen läßt, daß er “Opfer
verweigert” und “alles fordert”, unterscheidet er sich vom Mann in der Werbung,
der “auf dem Besten besteht” nur im Grad seiner Anmaßung und in dem oft kaum
mehr als ideologisch gegebenen Zugeständnis der Hindernisse auf dem Weg seiner
völligen Realisation. Unzufriedenheit und Langeweile sind in ihrer langweiligen,
rituellen Denunziation vergessen, und zu einer Zeit in der auch die
rückschrittlichsten Ideologien offen pessimistisch und selbstkritisch in ihrer
Zersetzung werden, stellt der Vaneigemist ein effektives Bild der
gegenwärtigen Befriedigung dar.
23
Vaneigemistischer ideologischer Egoismus hält als die radikalste
Essenz der Menschheit diese entfremdetste Bedingung der Menschheit hoch,
wegen der die Bourgeoisie gescholten wurde, die “keine andere Schranke zwischen
Mensch und Mensch bestehen ließ als nacktes Selbstinteresse”; Er unterscheidet
sich nur zufällig von der bürgerlichen Version, da er durch die Vorstellung eine
andere Art der Realisation der Sammlung isolierter Egos ins Auge fasst. Dieser
Position steht die aktuelle historische Erfahrung der Revolution, und oft sogar
gerade die Aktivität jener, die sie vertreten, entgegen.
24
Die situationistische Kritizität und oft treffend eingesetzte “Arroganz” und
der Gebrauch von Beleidigungen — einst aus dem Zusammenhang des aktiven Kampfes
genommen, um die Dinge zu ändern — finden in einer Welt, in der jeder mit
einem Spektakel an Niedrigkeit beschenkt ist und ermutigt ist, ze denken, er sei
“anders”, einen natürlichen Platz; wo jeder Tourist sich bemüht, “die Touristen”
ze meiden und jeder Konsument sich preist, nicht der Werbung zu glauben (Eine
Illusion des Besserseins, die oft absichtlich in Werbung einprogrammiert wird,
um das gleichzeitige Eindringen unbewußter Nachricht zu erleichtern). Das
pseudo-kritische Individuum stützt sein statisches Bessersein durch seine
überhebliche und konsequenzlose Kritik anderer, die plumpere oder wenigstens
andere Illusionen haben. Sobald der situationistische Humor — ein Produkt
der Widersprüche zwischen den latenten Möglichkeiten der Epoche und ihrer
absurden Realität — beansprucht, praktisch zu werden, kommt er nur dem
gewöhnlichen Humor einer Gesellschaft nahe, in der der gute Zuschauer
weitestgehend durch den zynischen Zuschauer ersetzt worden ist.
25
Als Zweiterfinder der kulturellen Reichtümer der Vergangenheit treten
die Situationisten, sobald der Gebrauch (engl: use, Gebrauch, Nutzen)
dieser Reichtümer verloren ist, in die spektakuläre Gesellschaft als einfache
Vorantreiber der Kunst wieder ein. Der Prozess der modernen Revolution —
Kommunikation, die ihre eigene Kritik enthält, dauerndes Herrschen des
Gegenwärtigen über das Vergangene — ist verstrickt mit einer Gesellschaft, die
vom kontinuierlichen Umschlag ihrer Waren abhängt, wo jede neue Lüge die
vorherigen kritisiert. Daß eine Arbeit etwas mit der Kritik des Spektakels zu
tun hat — indem sie ein Element “authentischer Radikalität” manifestiert oder
indem sie irgendein theoretisch artikuliertes Moment der Zersetzung des
Spektakels darstellt, ist vom Standpunkt des Spektakels aus kaum unvorteilhaft
für es. Während die Sitationisten recht daran taten, die entwendbaren Elemente
bei ihren Vorfahren aufzuzeigen, gewannen sie mit diesem Tun gleichzeitig für
jene Vorfahren einen Platz im Spektakel, das, weil ihm so schmerzlich
Qualitatives abgeht, die Bestätigung willkommen heißt, daß unter den kulturellen
Gütern, die es vermarktet, etwas zu finden ist. Das entwendete Fragment wird
als Fragment wiederentdeckt; wenn der Nutzen (engl: use, Nutzen,
Gebrauch) geht, bleibt der Konsum; die Entwender sind entwendet.
26
So ein Lebenskonzept wie das situationistische kennt notwendigerweise
gleichzeitig die wahrsten und die falschesten Anwendungen, mit einer Menge
dazwischenliegender Verworrenheit.
27
Wie mit anderen theoretischen Kardinalkonzepten, kann man die interessierte
Konfusion, die das situationistische Konzept auslöste nicht unterdrücken,
indem man sein Etikett unterdrückt. Die Ambiguität des Worts “situationistisch”
spiegelt die Ambiguität der situationistischen Kritik selbst wieder,
gleichzeitig getrennt von und Teil der Gesellschaft, die sie bekämpft,
gleichzeitig getrennte Partei und ihre Negation. Die Existenz einem eigenen
“situationistischen Milieu”, gleichzeitig soziale Konzentration
fortschrittlichen revolutionären Bewußtseins und soziale Verkörperung
konzentrierten Situationismus — drückt die Widersprüche der unebenen Entwicklung
des bewußten Kampfes in dieser Periode aus; wobei ausdrücklich situationistisch
zu sein kaum eine Garantie intelligenter Praxis ist, es nicht zu sein im Grunde
genommen eine Garantie von Verfälschungszielen oder einer Ignoranz, für die es
zunehmend schwerer ist, unabsichtlich zu bleiben[?] ist. Das “Spektakel” wird so
lange als ein spezifisch situationistisches Konzept betrachtet, solange es nur
als ein weiteres periphäres Element der Gesellschaft betrachtet wird. Aber indem
sie gleichzeitig ihre zentralen Aspekte und die Theorie, die sie am radikalsten
artikuliert hat, unterdrückt, und dann denkt, zwei Vögel mit einem Stein zu
töten, indem sie diese nicht kategorisierbaren Gesamtheiten zusammenschmeiß,
bestätigt die Gesellschaft ihre wirkliche Einheit; als wenn zus Beispiel eine
Bibliographie eine Sektion enthielte: “Tägliches Leben, Konsumgesellschaft und
situationistische Themen”.
28
Für die S.I. diente des situationistische Etikett zum Ziehen einer Linie
zwischen der gängigen Inkohärenz und einem neuen dringenden Bedürfnis. Die
Wichtigkeit des Ausdrucks schwindet dahin, bis daß die neuen dringenden
Bedürfnisse weitverbreitet bekannt sind und praktiziert werden, bis daß die
proletarische Bewegung selbst situationistisch wird. So ein Etikett erleichtert
auch die spektakuläre Kategorisierung dessen, was es vorstellt. Aber genau diese
Kategorisation setzt gleichzeitig die Gesellschaft der Kohärenz der
verschiedenen situationistischen Positionen, die ein einziges Etikett möglich
machen aus, wobei die Stärke dieser Aussetzung von der netto Totalität an
Signifikanz abhängt, die der Ausdruck zu einem gegebenen Moment mit sich trägt.
Es ist die Trennschärfe des Ausdrucks, die in den verschiedenen Kämpfen,
ob jemand oder etwas situationistisch ist, auf dem Spiel steht, und es ist eine
bemerkenswerte Maßnahme dieser Trennschärfe, daß der Ausdruck
“prosituationistisch” allgemein als verächtlich wahrgenommen wird. Obwohl
Assoziationen mit dem Ausdruck nicht als Verteidigung für Taten dienen,
verteidigen die Handlungen der Situationisten in einem Sinne das Wort, indem sie
dazu beitragen, daß es so konzentriert und bombengefährlich wie möglich für die
Gesellschaft dargestellt wird, damit zu spielen. Die Gesellschaft, die mit wenig
Schwierigkeiten Sektoren von sich als “kommunistisch”, “freiheitlich” oder
“marxistisch” vorstellt, findet es bis jetzt nicht möglich oder nicht weise,
irgendeinen ihrer Aspekte als “situationistisch” vorzustellen, auch wenn sie es
sicherlich nun getan hätte, wenn zum Beispiel ein “nashistischer”
(opportunistischer neo-künstlerischer) Sinn des Ausdrucks vorgeherrscht hätte.
29
Zu ihren Anfängen, solange niemand anderer sehr nahe ist, schien die
situationistische Kritik so wirklich antiideologisch, daß seine Vertreter sich
kaum irgendeinen Situationismus vorstellen konnten, es sei denn als eine
ziemlich plumpe Lüge oder Mißverständnis. “Es gibt keinen Situationismus”, so
ein Ausdruck ist “bedeutungslos” erklärt Internationale
Situationniste Nr l. Einer einzigen Differenzierung gelang es, den
Ausdruck vor Mißbrauch zu bewahren: Die 5.Konferenz der S.I. entscheidet, daß
alle künstlerischen Werke, die ihre Mitglieder produzierten, explizt
“anti-situationistisch” überschrieben werden müssen. Aber die Kritik, die ihrer
Ideologisierung per Definition entgegemsteht, kann sich nicht definitiv oder
absolut von ihr trennen. Die S.I. entdeckte eine Tendenz “unendlich viel
gefährlicher als die alte, von uns so stark bekämpfte Kunstauffassung. Sie ist
moderner, also weniger offensichtlich klar. . . . Unser Projekt ist
gleichzeitig mit den modernen Integrationstendenzen zustandegekommen. Der
dirkete Gegensatz und auch der Schein der Ähnlichkeit liegen also darin, daß sie
alle wirklich zeitgenössische Erscheinungen sind. . . . Zwangsläufig gehen wir
denselben Weg wie unsere Feinde — wobei wir ihnen meistens vorangehen” (I.S.
Nr 9).
30
Notorischerwiese hat die moderne Intelligenzia oft Elemente
situationistischer Theorie genutzt, früher ohne Anerkennung, später — als so
eine Ideenübernahme schwerer wurde und gleichzeitig spektakuläre Verbindung mit
den situationistischen Zielen, mehr aus Prestigegründen als aus Wissen um die
Abhängigkeit von ihnen, ihnen Abbruch tat — öfter mit Anerkennung. Aber
signifikanter sind die zahlreichen theoretischen und ideologischen
Manifestationen, die, ohne direkten Einfluß oder auch Kenntnis der
Situationisten, unzweifelhaft zu den selben Themen und den selben Formulierungen
neigten, weil diese keine anderen sind, als die immanenten Angelpunkte der
modernen Gesellschaft und ihrer Widersprüche.
31
Weil die situationistische Kritik sich ausweitet und vertieft, muß die
moderne Gesellschaft — um wenigstens ihr eigenes Funktionieren und ihre eigene
Opposition ein bißchen zu verstehen oder dem Spektakel Nachsinnen darüber, was
am meisten gewünst ist, anzubieten — mehr und mehr Elemente jener Kritik
rekuperieren, oder sie wird bei ihrer Unterdrückung das Opfer ihrer eigenen
parallel dazu sich vermehrenden blinden Spots.
32
Alles was die S.I. über Kunst, das Proletariat, Urbanismus, das Spektakel
gesagt hat wird überall verbreitet — minus das Wesentliche. Während in der
Anarchie des ideologischen Marktes individuelle Ideologien Elemente
situationistischer Theorie getrennt von ihrer konkreten Totalität enthalten,
vereinigt ihre Gesamtheit tatsächlich die Fragmente als eine abstrakte
Totalität. Alle modernistische Ideologie zusammengenommen ist Situationismus.
33
Situationismus ist der Diebstahl der Initiative von der revolutionären
Bewegung, die Kritik des täglichen Lebens, um sich selbst stark zu machen. Das
Spektakel bietet sich selbst als der Urheber oder wenigstens als das notwendige
Forum der Diskussion der Ideen seiner Zerstörung an. Revolutionäre Thesen
erscheinen nicht als die Ideen von Revolutionären, also gebunden an genaue
Erfahrung und Projekte, sondern eher als ein unerwarteter Ausbruch an
Erleuchtung auf Seiten der Herrscher, Stars und Händler der Illusionen.
Revolution wird ein Moment des Situationismus.
34
Die Gesellschaft des Situationismus weiß nicht, daß sie diese ist, dem würde
ihr zu viel Kredit geben. Nur das Proletariat kann ihre Totalität im Prozess
ihrer Zerstörung ergreifen. Es ist prinzipiell das revolutionäre Lager, das die
verschiedenen Illusionen und ideologischen Nuancen erschafft, die das System
stützen können und einen restaurierten Status Quo rechtfertigen. Gerade die
Erfolge von Revolten, die einen zweischneidigen Gleichgewichtspunkt mit dem
System erreicht haben, dienen zum Teil dazu, die Größe eines Systems zu preisen,
das so radikale Erfolge erschaffen und beheimaten konnte.
35
Es ist die Natur des Situationismus, daß er nicht sofort oder ganz realisiert
werden kann. Er soll nicht wörtlich genommen werden, sondern mit wenigen
Schritten Abstand verfolgt werden; wäre nicht dieser so kleine Abstand, würde
die Mystifikation offensichtlich werden.
36
Indem sie ihren Situationismus produziert, zerbricht die Gesellschaft den
Zusammenhalt anderer Ideologien, schwemmt die archaischen und zufälligen
Verfälschungen beiseite und legt die Fragmente bereit für ihr eigenes
Reinvestment. Aber indem sie so das falsche soziale Bewußtsein konzentriert,
ebnet die Gesellschaft den Weg für die Ausbeutung dieses ausgebeuteten
Bewußtseins, die Spitzfindigkeit der Rekuperation mußbraucht gewaltsam die
Revolutionäre, ihre Einheit stößt den Konflikt auf eine höhere Ebene, und
Elemente des global verbreiteten Situationismus erzeugen ihre eigene Überwindung
in Regionen, wo sie sich noch nicht von einer urtümlichen theoretischen Basis
wegentwickelt haben.
37
Die S.I. war nicht nur für das, was sie sagte, beispielhaft, sondern zuerst
für alles, das sie nicht sagte. Diffusheit verwässert die Macht der
Kritik. Diskussion von Dingen, die nichts bedeuten, verdunkelt die Dinge, die
etwas bedeuten. Auf die Plattform des herrschenden Pseudodialogs zu steigen,
wendet die Wahrheit in ein Moment der Lüge. Revolutionäre müssen wissen, wie
zu schweigen.
KEN KNABB
1976
Ken Knabb’s The Society of Situationism (1976), translated into German in
Subversion Nr 8 (Berlin, 1985) by the Agentur für die Selbstaufhebung des
Proletariats.
No copyright.
[Other texts in German]
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